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Familie mit mutmaßlicher Haus-Sklavin bereits vorbestraft.
Familie mit mutmaßlicher Haus-Sklavin bereits vorbestraft © dpa
10.06.2011

Haus-Sklavin: Familie bereits vorbestraft

HASSMERSHEIM/MOSBACH. Flüchtete die 20-Jährige durch dieses kleine weiße Fenster? Der Blick durch die Scheibe fällt auf einen schwarz-weißen Totenkopfschal und eine blaue Karojacke. Mehr lässt sich in dem verlassenen Raum nicht erkennen. Die Eingangstür zur Wohnung in dem niedrigen Mehrfamilienhaus mit idyllischem Blick auf den Neckar ist von der Polizei versiegelt. Die Bewohner, ein Ehepaar mit Sohn, sind seit Mittwoch in Untersuchungshaft. Sie werden beschuldigt, die 20 Jahre alte Frau eingesperrt, misshandelt und mit Gewalt zur Hausarbeit gezwungen zu haben. Auch von einem sexuellen Übergriff ist die Rede. Der 51 Jahre alte Mann saß schon mal wegen Misshandlung Schutzbefohlener und Körperverletzung hinter Gittern. Das heruntergekommene Haus mit dem bröckelnden Putz ist offenbar Schauplatz des Dramas gewesen, das das Dorf bundesweit in die Schlagzeilen brachte. An der Haustür ein Schild: «Achtung! Warum hat eine Tür einen Griff? Na??? Damit man jene an diesem zuziehen kann. Türe schließen!» Mit der Ordnung ist es nun vorerst vorbei, ebenso wie mit der Postkarten-Idylle von Haßmersheim, wo die großen Lastkähne langsam auf dem Neckar vorbeigleiten. Die Familie sei im März eingezogen, erzählt der Hausmeister Christian Pöppinghaus. Im Februar habe er die Familie durch die Wohnung geführt, im März sei sie offiziell eingezogen, sagt der Hausmeister. Die junge Frau habe er immer nur in Begleitung gesehen, sich aber nichts dabei gedacht. Anzeichen von Misshandlung habe er nicht wahrnehmen können. «Sie ist öfter mit dem Sohn und dem Hund am Neckar entlang gelaufen.» Auch eine andere Hausbewohnerin berichtet, die Frau sei immer in Begleitung und nie allein zu sehen gewesen. «Wir dachten, das sei die Cousine des Sohnes.» Trotz der beengten Wohnverhältnisse im Haus habe niemand verdächtige Geräusche aus der Wohnung im Erdgeschoss gehört, sagt Pöppinghaus. Ganz anders dagegen der laute Knall, der ihn am Mittwoch um fünf Uhr morgens aus dem Schlaf hochschrecken ließ, erinnert er sich. Da brach das Sondereinsatzkommando, das mit vier schwarzen Kastenwagen angerückt sei, die Tür auf. Inzwischen ist das Haus Anziehungspunkt für einige Schaulustige. Ein tätowierter Mann mit halblangen grauen Haaren macht Fotos für seine Facebook-Seite. Einer der Hausbewohner sieht aus dem Fenster und schreit: «Hau bloß ab». Dann droht er ihm noch Prügel an. Etwas weiter entfernt im Ortskern beherrscht die Geschichte von der Haus-Sklavin ebenfalls die Gespräche. «Für so ein kleines Dorf ist das schon aufregend, was da passiert ist», sagt die Metzgereiverkäuferin. «Das waren keine Einheimischen. Die Familie war zugezogen, keiner hat sie gekannt», ergänzt ihre jüngere Kollegin und wiegt Salami ab. Eine Gruppe von Grundschulmüttern wartet im Sonnenschein an der Haßmersheimer Fähre auf ihre Kinder, die aus dem Schullandheim zurückkommen. «Wir sind schockiert, dass das in unserem Dörfle passiert», sagt eine 40-Jährige. «Wir denken, unsere Kinder wachsen hier behütet auf - und jetzt fallen wir aus allen Wolken.»

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