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Heilbronner Polizistenmord gibt immer noch Rätsel auf
Heilbronner Polizistenmord gibt immer noch Rätsel auf © dpa
05.05.2014

Heilbronner Polizistenmord gibt immer noch Rätsel auf

Im April 2007 wird die Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn erschossen, ihr Kollege überlebt schwer verletzt. Inzwischen scheint klar: Auch diese Tat begingen die NSU-Terroristen. Aber warum?

Der Mordanschlag auf zwei junge Polizisten in Heilbronn gilt auch ein Jahr nach Beginn des Münchner NSU-Prozesses als das rätselhafteste Verbrechen des «Nationalsozialistischen Untergrunds». Am 25. April 2007 wird die 22-jährige Michèle Kiesewetter mit mehreren Schüssen getötet, ihr Kollege lebensgefährlich verletzt. Die Bundesanwaltschaft schreibt die Tat der NSU-Terrorgruppe zu und hält Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt für die Schützen. Aber erst vor wenigen Tagen brachte Baden-Württembergs CDU-Chef Thomas Strobl das Dilemma auf den Punkt: «Im Grunde genommen ist mehr nicht aufgeklärt als aufgeklärt.»

Die beiden Polizisten wollten kurz Pause machen, hatten ihren Einsatzwagen auf der Heilbronner Theresienwiese geparkt. Die Täter schlichen sich an und schossen ohne Vorwarnung. Die Kugeln trafen beide Polizisten in Kopf und Körper. Kiesewetter starb am Tatort.

Ihr Kollege ist das einzige Opfer, das einen Mordanschlag der NSU-Terroristen überlebte. Im Münchner Prozess gegen Beate Zschäpe und ihre mutmaßlichen Unterstützer ist er einer der Nebenkläger.

Mit dem Verlauf des Verfahrens in den ersten zwölf Monaten sei er «durchaus zufrieden», sagt sein Anwalt Walter Martinek der dpa. «Man muss ja tatsächlich davon ausgehen, dass Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt am Tatort waren.» Restlos aufgeklärt sei der Fall für seinen Mandanten aber nicht. «Er möchte Klarheit darüber, ob der Anschlag ihm galt oder ob er nur aufgrund eines dummen Zufalls von den Tätern angegriffen wurde.» Und er wolle wissen, «ob es die Täter bewusst auf seine Kollegin Michèle Kiesewetter abgesehen hatten oder ob auch sie nur zufällig in ihr Visier geriet».

Die Polizei hatte nach dem Heilbronner Anschlag mehrere Sonderkommissionen eingesetzt, ging Dutzenden Spuren nach - ins Drogenmilieu, in den Bereich des organisierten Verbrechens, zu einer Gruppe von Sinti und Roma.

Legendär wurde die Fahndung nach dem «Phantom von Heilbronn». Am Einsatzwagen von Kiesewetter und ihrem Kollegen fanden sich DNA-Spuren, die auch an anderen Tatorten in ganz Deutschland auftauchten. Eine heiße Spur? Später stellte sich heraus: Sie stammten von der Mitarbeiterin eines Unternehmens, das Wattestäbchen herstellte, mit denen die Spurensicherer gearbeitet hatten.

Erst am 4. November 2011, viereinhalb Jahre nach der Tat - der Durchbruch. Kurz nach einem Banküberfall geht im 314 Kilometer entfernten Eisenach ein Wohnmobil in Flammen auf. Im Inneren finden Ermittler die Leichen von Mundlos und Böhnhardt, außerdem ein Arsenal an Waffen. Der thüringische Polizeidirektor Michael Menzel, damals Einsatzleiter, sagt Anfang 2014 als Zeuge im NSU-Prozess über diesen Tag: «Gegen 16 Uhr ist eine Waffe identifiziert worden, die auf dem Tisch lag. Das war die Waffe der Kollegin Kiesewetter. Das war im Prinzip der erste entscheidende Punkt, dass man es hier nicht mit normalen Banküberfalltätern zu tun hat.»

Inzwischen ist der Anschlag auf die beiden Polizisten für die Bundesanwaltschaft aufgeklärt. Als Schützen seien Mundlos und Böhnhardt überführt. Sie hätten Kiesewetter und ihren Kollegen zufällig «als Repräsentanten des demokratischen Rechtsstaates» ausgewählt, sagte eine Sprecherin der Anklagebehörde. Dass die Täter es bewusst auf Michèle Kiesewetter abgesehen haben könnten, wies sie als «Mutmaßung» zurück. Solche Theorien hätten sich «als haltlos erwiesen».

Dazu gehört der Verdacht, Kollegen der Polizisten könnten rechtsradikalen Gruppen oder dem «Ku Klux Klan» nahestehen. Zudem gibt es in der Prozessakte ein Dokument zu einem Strafverfahren in Jena gegen Böhnhardt aus dem Jahr 1993. Darin findet sich der Name eines Mannes, der zum familiären Umfeld Kiesewetters gehört. Kiesewetter stammt aus Thüringen.

 

Keine Erklärung hat die Bundesanwaltschaft bisher dafür, dass der Heilbronner Polizistenmord die einzige Tat ist, bei der die Terroristen ihre «Ceska»-Pistole nicht einsetzten. Die NSU-Täter, so die Bundesanwaltschaft, hätten «bewusst» immer dieselbe Waffe eingesetzt, um «die hinrichtungsgleiche Ermordung der Opfer auch ohne ausdrückliche Tatbekennung für die Öffentlichkeit eindeutig als eine Mordserie kenntlich zu machen». Nur eben nicht beim Polizistenmord in Heilbronn.