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Hessische Stadt will sich nach Baden-Württemberg verabschieden.
Hessische Stadt will sich nach Baden-Württemberg verabschieden © dpa
23.11.2014

Hessische Stadt will sich nach Baden-Württemberg verabschieden

Neckarsteinach. Umzug ohne Kofferpacken: Die südhessische Stadt Neckarsteinach bei Heidelberg will das Bundesland wechseln - und künftig zu Baden-Württemberg gehören. «Der Süden von Hessen wird vergessen, wir fühlen uns ungerecht behandelt», sagte der Bürgermeister der 3800-Einwohner-Kommune Herold Pfeifer (SPD) der «Rhein-Neckar-Zeitung» (Samstag). Das Ansinnen sei «kein Scherz».

Hauptgrund für den gewünschten Wechsel sei die schlechte finanzielle Ausstattung der Kommunen in Hessen, die auch durch den neuen kommunalen Finanzausgleich bedingt sei. Seit der Umstellung des Stadthaushalts vor fünf Jahren habe die vorher schuldenfreie Odenwald-Kommune jedes Jahr ein Defizit von 700 000 Euro erwirtschaftet. Auf dpa-Anfrage war Pfeifer am Samstag zunächst nicht zu erreichen.

Nach Einschätzung des Bürgermeisters, der davon ausgeht, dass die Parteien vor Ort seine Wechselabsichten mittragen, sind Kommunen in Baden-Württemberg finanziell besser aufgestellt. Zudem fühlten sich viele Einwohner nicht als Hessen und arbeiteten ohnehin in Baden-Württemberg. Selbst die Schulen hätten baden-württembergische Ferien. Im Alltag gebe es in Verwaltungsfragen oder bei Polizeieinsätzen zudem unnötige Probleme wegen der Zugehörigkeit zu Hessen.

«Wir prüfen nun, wie der Wechsel eines Bundeslandes möglich ist», sagte Pfeifer der «Rhein-Neckar-Zeitung». «Wahrscheinlich wäre ein Volksentscheid in ganz Hessen darüber notwendig, ob Neckarsteinach das Bundesland verlassen darf. Es muss auch geklärt werden, ob Baden-Württemberg uns will», betonte der Bürgermeister. «Es wird schwierig, aber wir haben ja nichts zu verlieren.»

Beim baden-württembergischen Innenministerium reagierte man zunächst verhalten auf den Plan. Ob bereits eine offizielle Anfrage eingegangen sei, konnte ein Sprecher auf dpa-Anfrage zunächst nicht sagen. Fraglich sei ihm zufolge zudem, ob die klamme Kommune tatsächlich «eine attraktive Braut» sei.

Neckarsteinach ist wegen seiner vier Burgen und seiner mittelalterlichen Altstadt als Touristenziel bekannt. Ein Bundesländerwechsel hätte vor allem für Freudenhäuser Konsequenzen: Die drei legalen und von hessischen Behörden überwachten Bordelle der Stadt müssten dann nämlich sofort geschlossen werden. Denn in Baden-Württemberg ist Prostitution in Gemeinden und Städten unter 35000 Einwohnern nicht erlaubt.