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Der idyllische Blick auf das Atomkraftwerk von Fessenheim trügt. Es gibt jede Menge Zoff um die Anlage nahe Baden-Württemberg. Sie soll bald abgeschaltet werden, was die Anwohner erzürnt. Foto: Kuhn
Der idyllische Blick auf das Atomkraftwerk von Fessenheim trügt. Es gibt jede Menge Zoff um die Anlage nahe Baden-Württemberg. Sie soll bald abgeschaltet werden, was die Anwohner erzürnt. Foto: Kuhn
02.03.2018

Im Elsass kämpft die Gemeinde Fessenheim für den Erhalt seiner Kernreaktoren

Fessenheim. Feinde und Freude des Atomkraftwerks leben nah beieinander. Räumlich trennt sie nur der Rhein. Doch zwischen ihnen liegen Welten, wenn es um ihre Meinung zu diesen ältesten noch laufenden Atomreaktoren Frankreichs geht.

Auf der deutschen Rheinseite fordern Bürgerinitiativen und Politik seit Jahren vehement das Ende der Anlage. Die Argumente der baden-württembergischen Landesregierung: Bei einem schweren Unfall in Fessenheim, das unmittelbar an der deutsch-französischen Grenze liegt, müsste das rund 20 Kilometer Luftlinie entfernte Freiburg komplett evakuiert werden. Zudem stehe das Atomkraftwerk nicht auf ewig festem Grund – rechtsrheinisch liege die erdbebenstärkste Region Deutschlands. Gegen Erdbeben seien die Reaktoren aber nur unzureichend gesichert.

Im Elsass dagegen kämpfen Politiker, Gewerkschaften und Anwohner wohl genauso erbittert um die Erhaltung des rund 40 Jahre alten Kraftwerks. Doch jetzt haben sie den Kürzeren gezogen. Politik und Betreiber EDF haben den Betriebsstopp der Anlage für Ende 2018 oder Anfang 2019 angekündigt – und in Fessenheim versteht man die Welt nicht mehr.

„Das Kraftwerk ist so gefährlich nun auch wieder nicht“, sagt Philippe Mailly, ein älterer Herr aus dem nahen Rouffach. Besser gesichert als die Anlage in Tschernobyl mit ihrer Atomkatastrophe 1986 sei es allemal. „Wenn es in die Luft fliegt, fliegt es in die Luft. Ich glaube, man sollte daran nicht zu viel denken“, sagt er noch, bevor er an schmucken Fachwerkhäusern vorbei zur Post geht.

„Ich kenne Fessenheim nur mit dem Kraftwerk“, sagt eine Bäckereiverkäuferin. „Mich hat es noch nie gestört.“ Und einer Passantin, die auf dem Weg zur Bank ist, machen die Reaktoren mehr Angst, wenn sie erst einmal abgeschaltet sind. „Solange das Kraftwerk läuft, wird es wenigstens überwacht.“

Es ist klar: Fessenheim ist mit dem Kraftwerk eng verbandelt. Unzählige Hochspannungsleitungen prägen den Blick auf den Ort und das dahinterliegende Bergpanorama der Vogesen. 80 Prozent der Steuereinnahmen verdankt die Kommune dem Kraftwerk, wie französische Medien vorrechnen. An den Toren der Anlage selbst hängen große Transparente. Auf einem heißt es: „Das Kraftwerk ist sicher. Auf dass es bestehen bleibe.“ Auf Französisch reimt sich das. Generell hat die Kernkraft einen vergleichsweise guten Stand in der öffentlichen Meinung der Franzosen. In einer repräsentativen Umfrage sprachen sich 2016 mehr als die Hälfte der Befragten (53 Prozent) gegen die Schließung von Anlagen aus. In Deutschland dagegen will eine große Mehrheit den Atom-Ausstieg.

Zuletzt stammte hierzulande nur knapp jede achte Kilowattstunde aus einem Atomkraftwerk. In Frankreich liegt der Atomanteil am Strommix dagegen noch bei rund drei Vierteln. Eigentlich sollte dieser Anteil bis 2025 auf 50 Prozent sinken. Doch das Ziel verschob Umweltminister Nicolas Hulot nun um bis zu zehn Jahre nach hinten.

Warum dann ausgerechnet das Kraftwerk in seiner Kommune schließen muss? Das fragt sich Fessenheims Bürgermeister Claude Brender. „Man hat uns als politische Geiseln genommen“, sagt er in seinem Büro im kleinen Rathaus. Ex-Präsident François Hollande habe das Thema einst entdeckt, um damit die Stimmen der Atomkraftgegner zu gewinnen. Dabei sei die Abschaltung unsinnig: Das Kraftwerk sei abbezahlt, höchst rentabel – und sicher. Warum dann so viele Menschen Angst vor den Reaktoren haben? „Sie sind Opfer von Falschinformationen.“ Viel gefährlicher seien Kohlekraftwerke, wie es sie in Deutschland zuhauf gebe. Deren Emissionen machten krank.

Wegen der Schließung würden viele der 2200 direkt oder indirekt beim Kraftwerk Beschäftigten ihre Arbeit verlieren. 300 Menschen, rechnet Brender vor, werden Fessenheim wohl den Rücken kehren – bei 2400 Einwohnern. Steuereinnahmen von drei Millionen Euro jährlich gingen flöten. „Man reißt uns einen Teil von uns selbst heraus.“ Er fordert eine Schonfrist: Mindestens bis 2021 solle das Kraftwerk noch am Netz bleiben, bis eine seiner Betriebserlaubnisse auslaufe. Diese Zeit sei nötig, um neue Stellen zu schaffen.

Dass die Regierung unter Präsident Emmanuel Macron darauf eingeht, ist unwahrscheinlich. Gerade erst wurde ein Komitee mit Staats- und Wirtschaftsvertretern sowie Gewerkschaftern geschaffen, das die Gegend auf ihre Zukunft nach der Kernkraft vorbereiten soll. Im Gespräch ist ein deutsch-französischer Industriepark. Aus Deutschland kamen bereits positive Signale. Man sehe sich dabei in der Pflicht, sagt Südbadens Regierungsprädentin Bärbel Schäfer (parteilos). Der Kraftwerksbetreiber EDF plant den Rückbau des Kraftwerks.

Doch die Anlage abzureißen, wäre „idiotisch“, sagt Jean-Luc Cardoso, Techniker und Gewerkschafter, der seit fast 30 Jahren in dem Kraftwerk arbeitet. Er und seine Gewerkschaft CGT sehen noch eine große Zukunft für die Anlage. Ihnen schwebt vor, das abgeschaltete Kraftwerk in eine Art Fortbildungszentrum für Techniker und Ingenieure zu verwandeln, wo sie beispielsweise an echten Tanks Risse erkennen lernen könnten.

Und ganz ohne Ersatz für das Kraftwerk komme Fessenheim auch nicht aus, sagt Cardoso – allein schon, um die Stromnetze stabil zu halten. Der 50-Jährige wirft ein neues Gaskraftwerk als Idee ins Rennen. Am besten jedoch wäre aus seiner Sicht: ein neues Atomkraftwerk.