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Im Kugelhagel sollen Polizisten zu Rettern werden © dpa
23.03.2012

Im Kugelhagel sollen Polizisten zu Rettern werden

Müllheim (dpa/lsw) - Die Polizeibeamten Mathias Schmidt und Harald Schlenker haben ihre Waffen gezogen, vorsichtig betreten sie das Gebäude. Im ersten Stock liegen mehrere Menschen - schwer verletzt und blutüberströmt. Die beiden Polizisten kümmern sich um sie, bringen sie aus dem Gefahrenbereich. Die Kollegen machen unterdessen weiter Jagd nach dem Amokläufer, der weiter um sich schießt. Es ist nur ein Training. Die Waffen sind Attrappen, die Verletzten Statisten, hantiert wird mit Theaterblut.

Am Freitag hat Baden-Württembergs Polizei in der südbadischen Kleinstadt Müllheim bei Freiburg ein neues Trainingszentrum für Anti-Amok-Einsätze in Betrieb genommen. 700 Polizisten aus Südbaden sollen dort in den nächsten zwei Jahren geschult werden. Trainiert wird hinter Gittern. Das Zentrum ist in einem früheren Gefängnis untergebracht. Das 1883 erbaute, historische Gebäude, das zuletzt als Jugendarrestanstalt diente, eignet sich mit seinen verwinkelten Räumen und dunklen Gängen ideal für ein realitätsnahes Training.

«Wir setzen die Polizisten hier unter extremen Stress», sagt der Leiter des Zentrums für Einsatztraining der Polizei, Thomas Link. Ein Amoklauf soll so realistisch wie möglich nachgespielt werden. «Deshalb auch dieses ehemalige Gefängnis, weil wir sonst in einer den Beamten vertrauten Halle trainieren müssten.» Die Polizisten wissen nicht, wie das Gebäude aussieht und was auf sie zukommt. Sie müssen schnell entscheiden und handeln.

Zwölf Einsatztrainer stehen zur Verfügung. Ausgebildet werden Polizeibeamte, die regulär auf Streife gehen. Neu ist der Schwerpunkt der Ausbildung. Es ist die Menschenrettung.

«Die Erfahrungen der bisherigen Amokläufe zeigt, dass eine reguläre Erstversorgung durch den Rettungsdienst in einer Amok-Situation nicht möglich ist», sagt Link. Die Gefahr für Retter ist zu groß, dass sie selbst zum Opfer werden, dass sie verletzt oder gar getötet werden. Deshalb bleiben Verletzte so lange sich selbst überlassen, bis der Amoklauf beendet ist. Und in den meisten Fällen gibt es viele Opfer und Betroffene.

Die Polizei übt nun, wie Verletzte während eines Amoklaufs gerettet und versorgt werden können. «Crash-Rettung» nennen dies Experten. «Ziel ist es, Opfer aus dem Gefahrenbereich zu bringen und den Fachkräften des Rettungsdienstes zu übergeben», sagt Polizei-Ausbilder Schmidt. «Die Alternative ist, dass die Menschen verletzt liegen bleiben und möglicherweise sterben.»

Allein zu Sanitätern werden wollen die Polizisten aber nicht. «Hauptaufgabe bleibt weiterhin, den Amokläufer zu finden und ihn zu stoppen», sagt Schlenker. «Dadurch wird verhindert, dass weitere Gefahr von dem Täter ausgeht.» Auch dies wird in Müllheim trainiert.

Ein Anti-Amok-Training ist seit 2008 fester Bestandteil der Schulungen, denen sich Polizeibeamte in Baden-Württemberg regelmäßig stellen müssen. «Bei einem Amoklauf gilt es, nicht auf Spezialkräfte zu warten, sondern sofort aktiv zu werden», sagt Polizeisprecher Marco Troll. «Es kann daher jeden von uns treffen.»

Seit einigen Monaten verfügen die Streifenpolizisten über eine Extra-Ausrüstung für diesen Ernstfall, der in Baden-Württemberg zuletzt bei den Amokläufen in Winnenden und Wendlingen sowie in Lörrach eintrat, zuvor bereits in Erfurt. Zur Ausrüstung, die jederzeit griffbereit im Streifenwagen liegt, gehören unter anderem ein Helm sowie spezielle schusssichere Westen.