nach oben
Um Verkehrssünder zu stellen, setzen die Beamten auf Streifenwagen und zivile Autos, die mit Kameras und Bildschirmen ausgestattet sind.
Um Verkehrssünder zu stellen, setzen die Beamten auf Streifenwagen und zivile Autos, die mit Kameras und Bildschirmen ausgestattet sind. © Symbolbild dpa
28.01.2018

Jagd auf Drängler und Raser: Zivilstreifen auf der Autobahn

Mühlhausen-Ehingen/Walldorf. Meist ahnen Autofahrer gar nicht, dass sie an einer Zivilstreife der Polizei vorbei rauschen. Heften die Beamten auf der Autobahn dann ein blinkendes Blaulicht an das Dach ihres Wagens und nehmen die Verfolgung auf, ist es zu spät für Drängler oder Raser.

Einer, der in der Woche mehrere hundert Kilometer zurücklegt, ist Alexander Ulmer, der Leiter des Verkehrskommissariats in Walldorf (Rhein-Neckar-Kreis). Wie er sagt, geht es bei dieser Polizeipraxis nicht darum Geld einzunehmen, sondern um Verkehrserziehung.

«Wir könnten uns theoretisch auch bequem hinstellen und anonyme Geschwindigkeitsmessungen vornehmen. Das wäre aber nicht zielführend», sagt der 48 Jahre alte Beamte. Vielmehr gehe es darum, im direkten Kontakt darauf hinzuweisen, wie gefährlich bestimmte Verhaltensweisen sind - etwa bei Wutausbrüchen am Steuer, Blicken auf das Smartphone bei hohem Tempo oder einer aggressiven Fahrweise. Um Verkehrssünder zu stellen, setzen die Beamten auf Streifenwagen und zivile Autos, die mit Kameras und Bildschirmen ausgestattet sind. Mit ihnen lässt sich das Tempo anderer Autos während der rasanten Fahrt messen, Verstöße werden zur Beweissicherung gefilmt.

Im Fuhrpark der Polizei befänden sich 23 Videomessfahrzeuge, darunter 20 Autos und 3 Krafträder, sagt ein Sprecher des Stuttgarter Innenministeriums. Allein die Polizisten des Verkehrskommissariats in Walldorf legen mit ihren PS-starken Fahrzeugen mehrere hundert Kilometer auf einer einzigen Tour zurück. «Die Beamten rücken fast täglich aus», sagt Ulmer. Faule Ausreden, vorgespielte Ahnungslosigkeit oder Entrüstung - die Beamten müssen sich von manchen gestoppten Autofahrern vieles anhören. Zumal nicht nur Raser und Drängler in das Beuteschema der Polizei passen.

Was den Beamten zunehmend Sorge bereitet ist, dass sie immer wieder Fahrer stoppen, die während der schnellen Reise auf Autobahn oder Bundesstraße mit ihrem Mobiltelefon hantieren. «Smartphones nehmen in unserem Gesellschaftsleben einen immer größeren Stellenwert ein; leider auch beim Autofahren. Die unerlaubte Nutzung ist eine täglich festgestellte Ordnungswidrigkeit mit großem Gefahrenpotenzial», warnt Ulmer. Wird das geahndet, kostet es mittlerweile 80 Euro. Außerdem erhalten Fahrer einen Punkt in der Flensburger «Verkehrssünderdatei».

Auch die Beamten im Süden des Landes ahnden regelmäßig entsprechende Verstöße, wie Bernd Schmidt vom Polizeipräsidium Konstanz sagt. Dennoch sei 2017 die Zahl der Unfälle im Bereich des zugehörigen Verkehrskommissariats Mühlhausen-Ehingen relativ stabil gewesen. Auch Spezialfahrzeuge kommen im gesamten Präsidiumsbereich, also in allen vier Landkreisen und auch auf den Autobahnen zum Einsatz.

Die steigende Zahl der Verkehrstoten zeigt jedoch, wie wichtig die Polizeiarbeit ist. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes (Stand 22. Dezember) starben in Baden-Württemberg von Januar bis Oktober 2017 insgesamt 381 Menschen im Verkehr. Das waren 25 Tote mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Bundesweit kamen 2017 in den ersten zehn Monaten 2693 Menschen im Verkehr um. Dass zu den Unfallursachen neben der Ablenkung durch elektronische Geräte nach wie vor auch überhöhtes Tempo zählt, liegt auf der Hand. Gerade im Bereich des aggressiven Fahrverhaltens gebe es eine hohe Dunkelziffer, sagt Schmidt. Autofahrer würden sich zwar über das Verhalten anderer ärgern, oftmals aber die Erstattung einer Anzeige wegen fehlender Zeugen oder geringer Erfolgsaussicht scheuen.

Bei den Kollegen in Nordbaden beobachtet man auch, dass das Verkehrsnetz aufgrund des zunehmenden Schwerlastverkehrs und wegen vieler Baustellen an die Grenzen gelangt. «Verkehrsteilnehmer werden in ihrer persönlichen Belastbarkeit täglich aufs Neue gefordert und es kommt immer wieder zu emotionalen Reaktionsausbrüchen im Straßenverkehr», sagt Ulmer.

Mehr zum Thema:

Rasender BMW-Fahrer touchiert auf A8 Opel und überschlägt sich

Massencrash auf A8: Zwei Stunden Vollsperrung, 16 Kilometer Stau

Tempolimits zwischen Pforzheim-Süd und -Ost sollen A8 sicherer machen

Kommission tagt zur A8-Unfalllage - Schwerpunkt im Osten Pforzheims

Unfallschwerpunkt auf A8 liegt zwischen Pforzheim-Süd und -Ost

Artikel: Verkehrsexperte der Polizei: Autobahnbrücke auf A8 böte mehr Sicherheit

Video: Unfallschwerpunkt A8 bei Pforzheim-Ost