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Stuttgart 21

Ein Blatt mit der Aufschrift «Die ultimative biologische Geheimwaffe gegen S21 - Juchtenkäfer!» hängt im Mittleren Schloßgarten in Stuttgart an einer Absperrung.
Ein Blatt mit der Aufschrift «Die ultimative biologische Geheimwaffe gegen S21 - Juchtenkäfer!» hängt im Mittleren Schloßgarten in Stuttgart an einer Absperrung. © dpa
16.02.2018

Juchtenkäfer und S21: Bahn spricht von Manipulationsverdacht

Stuttgart. Doch keine Juchtenkäfer. Die Bahn lässt im Zusammenhang mit dem umstrittenen Bauprojekt Stuttgart 21 Bäume im Stuttgarter Rosensteinpark fällen - und erhebt Manipulationsvorwürfe.

Das Corpus Delicti ist eine wenige Millimeter große Kotpille nebst Teilen von Käfern. Gefunden wurden die Hinterlassenschaften der Insekten in einer Flasche in einer tiefen Baumhöhle - bei Rodungen für das umstrittene Milliardenprojekt Stuttgart 21. Die Bauherrin Deutsche Bahn sieht in dem Fundstück vom vergangenen Mittwoch den Beweis dafür, dass Gegner mit allen Mitteln den Umbau des Stuttgarter Bahnknotens zu behindern versuchen.

In diesem Fall argwöhnt sie, dass das Artenschutzrecht dafür missbraucht wurde. «Die Relevanz besteht darin, dass zum ersten Mal beim Bahnprojekt Stuttgart-Ulm überhaupt der Nachweis erbracht wurde, dass der Versuch erfolgte, ökologische Befunde zur Existenz streng geschützter Tiere zu manipulieren», sagt ein Bahnsprecher.

Doch was hat es mit der Flasche auf sich, die bei der Rodung von sogenannten Juchtenkäfer-Verdachtsbäumen entdeckt wurde? Ihr Inhalt wird in Zusammenhang gebracht mit Funden von Exkrementen sogenannter Rosenkäfer an zwei von sieben Bäumen, die für ein Baufeld des Bauprojekts gefällt wurden. Wie sich bei der Rodung herausstellte, gab es in beiden Bäumen keinerlei Baumhöhlen, in denen diese Käfer hätten leben können. Aus Sicht der Bahn ist das ein untrüglicher Beweis für eine versuchte Täuschung.

Dazu muss man wissen, dass der Rosenkäfer wie der Juchtenkäfer zu den Holzkäfern gehört, aber nicht so streng geschützt ist wie letzterer. «Der Rosenkäferkot ist mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Indiz für das Vorkommen von Juchtenkäfern», erläutert Sebastian Herr, Teamleiter für den Bauabschnitt, in dem die Bäume gerodet wurden.

Die Bahn macht einen möglichen Millionenschaden geltend: Denn je nachdem wie lange der Rosenkäferkot schon an den Baustämmen liegt, hätte man sich zeitraubende Genehmigungsverfahren wegen der Juchtenkäfer sparen können. Ärgerlich sei auch, dass wegen des Käfer-Verdachts ein aufwendiges Fällverfahren mit einem teuren Spezialfahrzeug habe vorgenommen werden müssen. Die sieben Bäume seien scheibchenweise abgetragen worden, um eventuell doch auftauchende Tierchen zu schonen. Allerdings habe man in keinem gefällten Baum einen Juchtenkäfer gefunden.

Der Bahnsprecher will nicht ausschließen, dass Täuschung mit Hilfe falscher Indizien auch an anderen Bäumen begangen wurde. Schon einige Mal sei aufgefallen, dass plötzlich zahlreiche Hinweise auf eine Juchtenkäferbesiedlung gefunden wurden, wo zuvor keine waren. Solche möglichen Taten juristisch zu ahnden, ist schwer, weiß die Bahn. Denn das Hinterlassen von Käferteilen sei ja nicht strafbar.

Dass Gegner von Stuttgart 21 hinter dem Käfer-Trick stehen können, wie die Bahn nahelegt, bestreitet Dieter Reicherter von den «Juristen zu Stuttgart 21». Das ist eine Gruppe, die Stuttgart 21 auf juristischem Wege bekämpft. Der ehemalige Richter vermutet die Verantwortung eher an anderer Stelle: «Nach unseren Erfahrungen in der Vergangenheit können wir nicht ausschließen, dass Kreise, die der Widerstandsbewegung schaden wollen, dahinterstecken.»

Unmöglich findet er, dass wieder einmal der Schwarze Peter für Kostensteigerungen den Kritikern zugeschoben werden solle. Die verschärften Naturschutzbelange seien der Bahn auch schon lange bekannt - und könnten nicht herhalten als Erklärung für Verzögerungen und Schwierigkeiten, für die die Bauherrin geradestehen müsse. Auch Renate Knapper von den Parkschützern kritisiert «das übliche Spiel der Bahn». «Wir sollen immer an allem Schuld sein - an teuren Umweltschutzmaßnahmen und Bauverzögerungen.»

Der extrem scheue Juchtenkäfer, der in seiner wenige Wochen dauernden Lebenszeit oft nicht einmal seine Höhle verlässt, macht der Bahn schon seit langem zu schaffen. Unvergessen ist etwa die Einzäunung von Platanen, in denen der Eremit vermutet wurde, oder ein Krabbelschutzzaum, der den Sturz der Tiere in die Baugrube für den geplanten Tiefbahnhof verhindern sollte.

Richtig teuer wurde es für die Bahn, als einige Bäume mit Juchtenkäferverdacht und nachgewiesenem Bestand zum Wechsel der Bauweise eines Tunnels führten. Statt mit der geplanten offenen Bauweise musste ein Tunnel zum Schutz der Käfer mit einem teureren unterirdischen Vortrieb gebohrt werden - Kosten: 20 Millionen Euro.