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11.03.2015

Jugendamt lässt sich im Fall Alessio von Experten überprüfen

Freiburg. Knapp zwei Monate nach dem gewaltsamen Tod des dreijährigen Alessio beauftragt der in der Kritik stehende Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald unabhängige Fachleute mit der Aufklärung. Der Kreistag gab in einer Sondersitzung am Mittwoch in Freiburg grünes Licht zur Bildung einer Expertengruppe. Zudem soll ein Gutachter den Fall untersuchen und mögliche Missstände benennen.

Ergebnisse will er bis Anfang Juni vorlegen. Alessio aus Lenzkirch im Schwarzwald wurde Mitte Januar Tode geprügelt. In Untersuchungshaft sitzt der Stiefvater. Dem Jugendamt wird seither Versagen vorgeworfen. Es soll Warnungen von Medizinern und Staatsanwälten ignoriert und falsche Entscheidungen getroffen haben.

„Der Landkreis hat ein großes Interesse, den Fall mit allen Mitteln aufzuklären“, sagte Landrätin Dorothea Störr-Ritter (CDU). Auch wenn das Jugendamt rechtlich korrekt gearbeitet habe, seien noch viele Fragen offen. Zentraler Punkt sei, aus welchen Gründen das Risiko für Alessio vom zuständigen Jugendamt geringer eingeschätzt wurde, als sie - im Nachhinein - betrachtet war.

„Es geht darum, den Fall zu rekonstruieren“, sagte der vom Kreis ins Gespräch gebrachte Gutachter Christian Schrapper. Strafrechtliche Schuld könne durch die Experten nicht geklärt werden. Dies sei Aufgabe der Staatsanwaltschaft.

Der geplanten Kommission angehören sollen Fachleute von Justiz, Wissenschaft, Polizei, Kinderschutz und Jugendhilfe. Sie werde die bestehenden Strukturen unter die Lupe nehmen und prüfen, wie die Zusammenarbeit zwischen Behörden und Medizinern beim Kinder- und Jugendschutz verbessert werden könne. Gleichzeitig sollen Experten des Deutschen Jugendinstituts und der Universität Koblenz die Arbeit des Jugendamtes im konkreten Fall überprüfen.

Koordiniert werden soll die Aufklärung von einem neu gegründeten Ausschuss des Kreistages, sagte Störr-Ritter. Dieser werde am Donnerstag kommender Woche seine Arbeit aufnehmen.

Der Kinderarzt in Titisee-Neustadt im Schwarzwald, in dessen Praxis der Dreijährige nach den Schlägen behandelt wurde und starb, hat unterdessen eine Unterschriftenaktion gestartet mit dem Ziel, einen bundesweiten Kinder- und Jugendbeauftragten zu installieren. Er plant eine entsprechende Petition an den Bundestag. Der Kinderschutzbund Baden-Württemberg fordert, Kinderrechte zum besseren Schutz im Grundgesetz und in der Landesverfassung aufzunehmen.

Nicht vorangekommen ist der Vorschlag eines Freiburgers zur Einrichtung eines Untersuchungsausschusses im Landtag, der den Fall aufklären soll. Um ein solches Gremium bilden zu können, müssten mehrere Abgeordnete oder Fraktionen den Vorschlag unterstützen, sagte ein Sprecher des Landtags am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur. Dies sei bislang nicht der Fall.