nach oben
Vor allem wohlhabende Familien profitieren vom Ausbau der Plätze für Unter-Dreijährige, so Norbert Struck von der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ). Foto: dpa
Vor allem wohlhabende Familien profitieren vom Ausbau der Plätze für Unter-Dreijährige, so Norbert Struck von der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ) © dpa
07.06.2011

Jugendhilfe: Arme Kinder gehen seltener in die Krippe

STUTTGART. Die Plätze in Kinderkrippen sind nach Ansicht eines Experten sozial ungleich verteilt. «Eltern mit geringem Einkommen bringen ihre Kinder deutlich seltener in Kinderkrippen», kritisiert Norbert Struck, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ), im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa in Stuttgart. Die Gebühren für die Betreuung seien ihnen zu hoch. Dagegen profitierten wohlhabendere Familien vom Ausbau von Plätzen für Unter-Dreijährige.

«Diejenigen, die diese Kindereinrichtungen am meisten benötigen, fallen aus dem bisherigen System heraus», berichtet Struck. Gerade Mütter mit leeren Haushaltskassen könnten jedoch ihre finanzielle Situation verbessern, würden ihre Kleinkinder betreut. «Für unsere wirtschaftliche Entwicklung und die Frauenerwerbsquote muss unbedingt stärker in Kindertageseinrichtungen investiert werden», sagt der AGJ-Vorsitzende.

Das Bildungspaket der Bundesregierung, welches Sozialleistungen für über 2,5 Millionen bedürftige Kinder vorsieht, verbessert die Lage vieler Familien nach seinen Worten kaum. «Viele Fördermittel verpuffen, weil das Paket falsch konzipiert wurde.» Bürokratische Hürden seien Schuld daran, dass bislang nur ein Bruchteil der förderberechtigten Familien die Zusatzmittel in Anspruch genommen haben.

Weiteren politischen Nachholbedarf sieht Struck in der immer noch geringen Zahl an Kinderkrippen und dem fehlenden Personal. Allein für die Ganztagesbetreuung der Unter-Dreijährigen müssten bis 2025 bundesweit etwa 140 000 neue Stellen geschaffen werden.

Die Arbeitsgemeinschaft organisiert alle vier Jahre den nach ihren Angaben größten Jugendhilfe-Gipfel Europas, den Deutschen Kinder- und Jugendhilfetag (DJHT). Auch bei der 14. Auflage in Stuttgart erwarten die Veranstalter, dass einige zehntausend Kinder und Jugendliche mit Mitarbeitern sozialer Organisationen auf dem Messegelände ins Gespräch kommen.

Ob Jugendgewalt, Kinderarmut, Jugendarbeitslosigkeit, Integrationsprobleme oder Schulabbruch - unter dem Motto «Kinder. Jugend. Zukunft: Perspektiven entwickeln - Potenziale fördern!» widmen sich mehr als 300 soziale Einrichtungen von Dienstag bis zu diesem Donnerstag in der Landeshauptstadt den Belangen und Problemen der «Generation U27». Bei der Abschlussveranstaltung am Donnerstag wird zudem Bundespräsident Christian Wulff erwartet, der mit jungen Menschen in den Dialog tritt. dpa