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Der ehrenamtliche Mitarbeiter der KZ-Gedenkstätte Neckarelz, Arno Huth, sieht sich in der neukonzipierten Ausstellung der KZ-Gedenkstätte in Mosbach-Neckarelz einen original Häftlingsumhang an. In der Gedenkstätte wird an die Einrichtung von Lagern zur Flugzeugmotorenherstellung am Ende des Zweiten Weltkriegs erinnert. 
Der ehrenamtliche Mitarbeiter der KZ-Gedenkstätte Neckarelz, Arno Huth, sieht sich in der neukonzipierten Ausstellung der KZ-Gedenkstätte in Mosbach-Neckarelz einen original Häftlingsumhang an. In der Gedenkstätte wird an die Einrichtung von Lagern zur Flugzeugmotorenherstellung am Ende des Zweiten Weltkriegs erinnert.  © dpa
23.02.2012

KZ «Neckarlager» lange totgeschwiegen

Mosbach. «Da standen wir und haben zugeschaut», sagt eine ältere Frau. Sie betrachtet ein Foto in der Eingangshalle des Neubaus einer KZ-Gedenkstätte im heutigen Mosbacher Stadtteil Neckarelz. «Bei der Bücherverbrennung 1933 in Mosbach war die ganze Stadt auf den Beinen», sagt ihr Mann. Die beiden haben ihren 80. Geburtstag hinter sich.

Sie sind an dem Ort, über den man im Neckartal nach dem Zweiten Weltkrieg und der Nazi-Diktatur lieber schwieg: das Gebäude der früheren Volksschule Neckarelz. Dort war 1944 das erste der sogenannten Neckarlager errichtet worden. Diese unterstanden zeitweise dem elsässischen Konzentrationslager Natzweiler-Struthof.

In die am anderen Neckarufer liegenden Gipsstollen verlegte Daimler-Benz 1944 mit Hilfe verschiedener staatlicher Stellen und der persönlichen Schutzstaffel Adolf Hitlers, der SS, seine kriegswichtige Flugzeugmotoren-Herstellung. «Der dafür gegründete Rüstungsbetrieb "Goldfisch" erhielt dafür ab März 1944 insgesamt 5000 Bau- und Produktionsarbeiter aus verschiedenen Konzentrationslagern. Diese wurden mitten im Ort um das alte Schulgebäude und in einem weiteren Lager in Neckarelz untergebracht», sagt Georg Fischer.

Der ehemalige Referent in der Erwachsenenbildung betreut mit vielen weiteren Ehrenamtlichen die Gedenkstätte, die sich direkt neben dem Hof der heute wieder benutzten Schule befindet. Im Herbst 2011 wurde der 500 000 Euro teure Neubau eröffnet.

Der Verein KZ-Gedenkstätte Neckarelz bekam kürzlich den mit 2500 Euro dotierten evangelischen Hermann-Maas-Preis. Mit der Gedenkstätte habe der Verein ein Stück badische Geschichte dem Vergessen entrissen, begründete die Jury ihre Entscheidung. Die Auszeichnung ist nach einem Heidelberger Pfarrer benannt, der im Nazi-Deutschland gegen Antisemitismus predigte und ins Arbeitslager kam.

«Zu den unter schlimmen hygienischen Zuständen lebenden Menschen kamen noch 5000 weitere Zwangsarbeiter und SS-Strafgefangene aus ganz Europa hinzu, die in den Fabriken unter Tage im Schichtbetrieb arbeiteten», berichtet Fischer. Etwa 1000 Männer überlebten dies nicht. Einige von ihnen seien zur Abschreckung sogar auf dem Schulhof aufgehängt worden.

Tag und Nacht marschierten Häftlinge unter den Augen der Bevölkerung über die nahe Eisenbahnbrücke zu der «Goldfisch»-Fabrik. Auch daran erinnert die Gedenkstätte. In einer neu konzipierten Ausstellung werden zudem die Lebensläufe mehrerer Häftlinge rekonstruiert. Eindrucksvoll wirken gusseiserne Menschenhälften.

Auch die Rolle der Bevölkerung nicht verschwiegen. Einige Einheimische lieferten Lebensmittel und Holz oder stellten Wohnraum zur Verfügung. «Viele Familien profitierten infolgedessen sehr stark von dem künstlichen regionalen Wirtschaftsaufschwung», sagt Heilerziehungspfleger Arno Huth, der immer wieder Schüler durch die Gedenkstätte führt. «Dies ist auch ein Grund, weshalb es noch vor 30 Jahren schwierig war, den NS-Opfern würdig zu gedenken.»

Viele Baracken wurden nach dem Krieg ab 1946 mit Flüchtlingen und Heimatvertriebenen belegt, von denen fast 60 000 in den heutigen Neckar-Odenwald-Kreis kamen und zum größten Teil blieben. «Die Not in der direkten Nachkriegszeit war sehr groß, weshalb sich die Menschen sehr viel mit sich selbst beschäftigten», erzählt Fischer weiter. «Viele Alt-Nazis kamen auch dadurch ungeschoren davon und fanden wieder Arbeit.» Aus diesem Grund engagiere sich der Gedenkstätten-Verein stark gegen Rechtsextremismus. dpa