nach oben
25.03.2010

Kachelmann zur Schau gestellt? Gericht sagt Nein

MANNHEIM. Wurde TV-Experte Jörg Kachelmann nach seiner Vernehmung öffentlich zur Schau gestellt? Das Amtsgericht in Mannheim hat am Donnerstag den Vorwurf eines Berliner Medienanwalts zurückgewiesen. „Das Vorgehen wurde mit Herrn Kachelmann abgestimmt, dem auch Gelegenheit gegeben wurde, sich gegenüber der Presse zu äußern“, sagte Gerichtssprecher Volker Schmelcher der Deutschen Presse-Agentur dpa.

Bildergalerie: Kachelmann lächelnd auf dem Weg zum Polizeiwagen

Bildergalerie: Wetter-Frosch Jörg Kachelmann in Bildern

Außerdem könne ein Informationsanspruch der Öffentlichkeit „nicht ohne weiteres beiseite geschoben werden“. Dieser Anspruch müsse mit dem Persönlichkeitsrecht Kachelmanns abgewogen werden. „Eine solche Abwägung hat das Amtsgericht pflichtgemäß vorgenommen“, sagte Schmelcher.

Der TV-Wetterexperte Kachelmann sitzt wegen des Verdachts der Vergewaltigung seiner früheren Lebensgefährtin in Untersuchungshaft. Er bestreitet aber die Vorwürfe und will sich juristisch dagegen zur Wehr setzen. Nach seiner Vernehmung musste der 51-Jährige im Amtsgericht Mannheim am Mittwoch zu einem Gefangenentransporter auf dem Hof laufen. Dort warteten Journalisten mit Kameras und filmten die Szene.

Der Berliner Medienanwalt Christian Schertz zeigte sich empört über die „Vorführung“ Kachelmanns. „Mir ist kein Fall in der deutschen Pressegeschichte bekannt, wo es die Justiz ermöglicht hat, dass ein bloßer Beschuldigter vor laufenden Kameras in eine grüne Minna weggeschlossen wurde“, kritisierte Schertz in einem dpa-Gespräch. „Der Staat hat eine unbedingte Schutzpflicht, auch für den Beschuldigten, dass er nicht ohne Not in einer für ihn unwürdigen Situation abgebildet wird.“

Die Justiz hätte verhindern müssen, dass solches Bildmaterial hergestellt werden kann, kritisierte Schertz weiter. „Offensichtlich war hier aber genau das Gegenteil der Fall, da die grüne Minna vor dem Gerichtsgebäude parkte, so dass die Fotoreporter ungehindert Fotos von Herrn Kachelmann in dieser Situation machen konnten“, sagte Schertz, der Prominente wie Günther Jauch und Thomas Gottschalk bei Fragen des Persönlichkeitsrechts vertritt sowie im vergangenen Jahr Nadja Benaissa von der Pop-Gruppe No Angels beim Vorwurf der Körperverletzung als Presseanwalt zur Seite stand.

Üblicherweise erfolgten Haftprüfungstermine auch bei prominenten Beschuldigten bewusst hinter verschlossenen Türen, um die Betroffenen zu schützen. „Dieses wurde im vorliegenden Fall zumindest grob fahrlässig unterlassen.“ Das Vorgehen erinnere an den Fall des früheren Postchefs Klaus Zumwinkel, der vor laufenden Kameras festgenommen worden sei, da die Medien zuvor darüber informiert waren, meinte Schertz.

Nach seinen Aussagen am Mittwoch ist ein weiterer Haftprüfungstermin für den TV-Wetterexperten Jörg Kachelmann nach Einschätzung der Mannheimer Staatsanwaltschaft zunächst nicht in Sicht. „Es ist nicht abzusehen, wie lange er in Untersuchungshaft bleiben muss“, sagte Andreas Grossmann, der Sprecher der Staatsanwaltschaft, auf Anfrage. Am Mittwoch hatte Kachelmanns Anwalt auf eine Entscheidung des Haftrichters über eine Freilassung verzichtet. Kachelmann wird vorgeworfen, seine frühere Lebensgefährtin im Februar vergewaltigt zu haben. Der 51-Jährige war am Samstag verhaftet worden, er beteuert seine Unschuld. Grossmann betonte erneut, es bestehe nach wie vor dringender Tatverdacht und Fluchtgefahr. dpa