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Dialog Galery Die Nebenklägerin im Fall hält sich am Montag auf dem Weg zum 12. Prozesstag im Landgericht in Mannheim in einem Auto sitzend ein Buch vor ihr Gesicht, das den Titel "Der Soziopath von Nebenan" trägt. © dpa
25.10.2010

Kachelmanns-Prozess: Berichte aus der Blackbox

MANNHEIM. Der Prozess um Jörg Kachelmann ist in seiner entscheidenden Phase - doch was hinter den verschlossenen Türen des Sitzungssaals 1 im Mannheimer Landgericht passiert, bleibt im Dunkeln. Schon den dritten Verhandlungstag in Folge befragen die Richter die ehemalige Geliebte des Moderators - bereits an die 15 Stunden lang. „Das habe ich in der Intensität in 28 Jahren noch nicht erlebt“, sagt Kachelmanns Verteidigerin Andrea Combé.

Was die 37-Jährige - meist als „Sabine W.“ bezeichnet - genau sagt, das bleibt geheim. Doch „die Grundtendenz steht“, sagt Verteidigerin Combé: „Sie hält an ihren Aussagen fest“. Das heißt: Sie beschuldigt Kachelmann, er habe sie mit einem Messer bedroht und vergewaltigt.

Kachelmanns Verteidiger, die zuvor zweimal Befangenheitsanträge gegen die Richter gestellt hatten, zeigen sich nun auffallend zufrieden mit der Strafkammer: „Ich bin sehr begeistert von der Gewissenhaftigkeit, mit der die Kammer fragt“, sagt Combé. Ihr Kollege Klaus Schroth ergänzt: „Das Gericht versucht, die Wahrheit zu erforschen, und fragt deshalb sehr gründlich.“ Kein Wort mehr von der angeblichen Voreingenommenheit der Kammer.

Das könnte natürlich auch Taktik sein: Da niemand die Angaben überprüfen kann, ist es aus Sicht der Verteidiger sicherlich nicht verkehrt, den Verlauf der Vernehmung zumindest zwischen den Zeilen für sich zu reklamieren.

So ähnelt der Prozess einer Blackbox: Von außen kann niemand sagen, was passiert - und so machen auch kleine, mehr oder weniger geschickt gestreute Informationsfetzen schnell Karriere. Vergangene Woche hatte Staatsanwalt Oltrogge ein paar Allgemeinplätze über die Vernehmung der Nebenklägerin geäußert, etwa: „Unter den gegebenen Umständen hält sie sich ganz gut.“

Für Verteidiger Birkenstock Anlass genug, eine Attacke zu starten: Dass die Staatsanwaltschaft über eine nichtöffentliche Sitzung rede, sei eine „Unverschämtheit“, sagt er - und bringt das Kunststück zuwege, im selben Satz die Glaubwürdigkeit der Nebenklägerin infrage zu stellen. „Da muss man konsequent sein“, sagt Birkenstock und meint die Verschwiegenheit, „nicht so sehr aus Respekt vor der Zeugenaussage, die sich als Lüge offenbart, sondern aus Respekt gegenüber dem Gericht“.

Deutlich unbeholfener im Umgang mit den Medien zeigt sich dagegen der Anwalt des mutmaßlichen Opfers, Thomas Franz. Er verweigert konsequent jede Auskunft. Die öffentliche Wirkung scheint ihm schlicht egal. „Der Prozess wird nicht durch SMS-Abstimmung entschieden“, sagt er nur.

Dennoch fällt auf, dass er nicht auf die Bilder achtet, die von seiner Mandantin entstehen. Wie sie neben ihm mit großer Sonnenbrille im Auto sitzt und ihr Gesicht bedeckt - ein Bild, das eher aussieht wie das einer Angeklagten. Am Montag schließlich hielt sich die Frau ein Buch vors Gesicht. Deutlich zu lesen war der Titel: „Der Soziopath von nebenan“. Der Untertitel lautet: „Die Skrupellosen: ihre Lügen, Taktiken und Tricks.“

Die Frau redet nicht mit den Medien. Das ist klug. Sie lässt sich nicht fotografieren. Auch das ist gut zu verstehen. Aber warum setzt sie sich dann nicht in ein Auto mit verdunkelten Scheiben? Und wenn sie schon vorne sitzt und ihr Gesicht bedeckt - warum nicht mit einem Aktenordner? Und falls sie selbst nicht an so etwas denkt: Warum tut es nicht ihr Anwalt? Der Prozess wird nicht in der Öffentlichkeit entschieden. Doch die Bilder könnten Sabine W. noch lange verfolgen.