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Kamelhof sucht Käufer mit Idealen © dpa
18.06.2012

Kamelhof sucht Käufer mit Idealen

Ebhausen (dpa/lsw) - Gegen Johannas haarigen Hintern hilft Wilhelm Breitling nur Kraft. Wenn die Kamelstute den 73-Jährigen nicht vorbeilassen will, hat Gutzureden keine Aussicht auf Erfolg. Dann muss er sich den Weg freischieben - sachte, aber bestimmt. Breitling hat sein halbes Leben Kamelen gewidmet, vor 25 Jahren kaufte er die ersten eigenen Tiere. Inzwischen leben auf seinem Kamelhof in Ebhausen-Rotfelden (Kreis Calw) 87 Dromedare und Trampeltiere. Der Hof ist Breitlings Lebenswerk, das er jetzt aus Altersgründen abgeben möchte. Nur: einen Käufer hat er bislang nicht gefunden.

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«Ich wünsche mir jemanden, der ein Herz für Kamele hat», sagt Breitling. Zudem soll der Nachfolger seine Ideale verfolgen: «Das Kamel ist in Europa noch nicht richtig angekommen, da muss noch viel geforscht werden.» Über Kamele kursiere viel falsches Halbwissen.

Daher dient der Hof Wissenschaftlern als Forschungsgebiet. Von der Uni Hohenheim etwa waren unter anderem Ernährungswissenschaftler und Verhaltensforscher da. Giovanni Migliore von der Forschungs- und Lehrmolkerei der Hochschule hat an einem EU-Projekt zum Einsatz von Kamelmilch in der Käse- und Joghurtproduktion gearbeitet. Der Forschungsbedarf bei Kamelen sei groß, bestätigt er. «Die Russen haben viel geforscht. Aber das wird in Europa nicht so wahrgenommen.»

Zudem bietet Breitling eine Therapie mit Kamelen an. Auf autistische oder hyperaktive Kinder wirkten die Tiere gleichermaßen beruhigend, berichtet er. Tatsächlich verhalten sie sich friedlich, lassen sich umarmen oder über das wuschelige und sich allmählich lösende Winterfell streicheln - wie Johanna, die den Kopf auf einen Strohballen gelegt hat und ab und zu nach oben schaut, wer gerade wieder ihren Hals krault. 30 000 Kinder kommen laut Breitling im Jahr mit ihren Familien, zudem Kaffeekränzchen und Kegelclubs. Geduldig trotten die Tiere bei Reittouren durch den Nordschwarzwald.

Das ist nicht selbstverständlich - gelten Kamele doch gemeinhin als störrisch und eigensinnig. «Gerade Hengste können unter Umständen recht aggressiv sein», sagt Peter Dollinger, Geschäftsführer des Verbands Deutscher Zoodirektoren (VDZ). Im Elsass habe ein Kamel mal einen Tierpfleger attackiert und in den Kopf gebissen.

«Ich hatte eine Vision: Was muss man machen, dass das Kamel sich hier wohlfühlt», sagt Breitling. Er schlägt die Tiere nicht, peitscht sie nicht aus, akzeptiert Eigenheiten und versucht ihr Verhalten zu verstehen. Doch er kann es nicht richtig erklären: «Ich bin mir nicht sicher, ob wir alles wissen, warum die Tiere so lieb sind.»

Breitling hat seinem Kamelhof einen guten Ruf erarbeitet. Dabei war der Bauer mit seiner Leidenschaft anfangs auf viel Skepsis und Widerstand in der Verwandtschaft und Nachbarschaft gestoßen. Die Behörden stellte er vor große Probleme. «Das Kamel gab es in den deutschen Gesetzen nicht.» Breitling erkämpfte sich zum Beispiel eine Schlachterlaubnis - von der er aber dann doch keinen Gebrauch macht: «Ich werde kein Kamel schlachten, um es zu verwerten.»

In seiner Art und Größe gilt der Kamelhof als Exot. Vergleichszahlen haben weder die Bauernverbände noch die Statistikämter. Für die Gemeinde mit weniger als 5000 Einwohnern sei der Hof ein «wichtiger Vermarktungsaspekt», sagt Bürgermeister Volker Schuler (Freie Wähler). Doch er sieht keine Chance, Breitling bei der Nachfolgersuche zu helfen: «Als Gemeinde ist es schwierig, die Weitervermarkung zu unterstützen.» Bei einem privaten Projekt dürfe die Kommune keine Finanzmittel zuschießen. «Und man kann auch nicht einfach von heute auf morgen einen Ferienpark daraus machen.»

1,5 Millionen Euro schweben Breitling als Kaufpreis vor - für die Anlage inklusive 3,5 Hektar Land und Patenten etwa für Hautcreme und Badekugeln aus Kamelmilch. Gefragt nach der wirtschaftlichen Lage des Hofs, antwortet Breitling: «Das ist ein Hobbybetrieb, der erfolgreich versucht, keine roten Zahlen zu schreiben.» Alles, was etwa über Eintrittspreise reinkommt, investiere er sofort wieder.

Breitling hofft, in gut einem Jahr eine Lösung gefunden zu haben. Seine Kinder interessierten sich nicht für Landwirtschaft. Alles aufgeben ist für ihn keine Option: «Man kann nicht 40 Jahre jede müde Mark und viele Stunden in ein Projekt stecken und dann war's das.»