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Grönemeyer © dpa
15.06.2011

Kaminabend für Zehntausende - Grönemeyer in Stuttgart

STUTTGART. Ein Konzert wie ein Abend mit einem altem Freund und gutem Wein: Herbert Grönemeyer hat mit Geschichten aus seinem Leben in Stuttgart mehr als 32 000 Menschen begeistert. Eher verhalten ist die Reaktion bei tagespolitischen Spitzen.

Bildergalerie: Grönemeyer begeistert Stuttgart

Seine Texte sind bis zur Unkenntlichkeit mit Sprachbildern durchsetzt, sein Gesang erinnert an Schnappatmung, sein tänzerisches Talent ist begrenzt. Ein gehöriger Teil des Erfolgs von Herbert Grönemeyer ist kaum zu erklären. Beim Auftritt in Stuttgart vor laut Veranstalter 32 500 Fans ist der Grund für den Ruhm des 55-Jährigen dennoch zu spüren: Seit 30 Jahren ist da einer, der die Menschen versteht und ihnen ihr Leben erzählt.

Nie dürfte das so deutlich gewesen sein wie beim 2002 erschienenen Album «Mensch». Auf der mehr als drei Millionen Mal verkauften CD hatte Grönemeyer in vielen aufrichtigen Stücken den damals vier Jahre zurückliegenden Tod seiner Ehefrau verarbeitet. Auch am Dienstagabend auf dem Open-Air-Gelände am Cannstatter Wasen gab es für die beinahe zehn Jahre alten Lieder stets starke Reaktionen. Bei «Mensch» gingen alle Arme geschlossen in die Höhe, beim schonungslos-sentimentalen «Der Weg» wird plötzlich deutlich, wie ruhig zehntausende Menschen sein können.

Doch natürlich haben das Leben und das Werk Grönemeyers auch lustigere und leichtere Seiten. Unter anderem «Was soll das» und der WM-Song «Zeit, dass sich was dreht» werden lauthals mitgesungen und beklatscht. Auch die den CD-Versionen sehr ähnlichen Rock-Arrangements von «Männer» und «Musik nur, wenn sie laut ist» kommen beim etwas spärlicher als bei früheren Tourneen erschienenen Publikum gut an.

Auffällig ist bei all dem die Routine, mit der die rund ein Dutzend Mann starke Band das Programm abspult. Nicht beliebig, sondern stets präzise spult sie das rund zweieinhalbstündige Programm mit gut zwei Dutzend Songs herunter. Hübsch wird dabei vereinzelt das maritime Motiv der «Schiffsverkehr»-Tour umgesetzt, beispielsweise wenn bei «Halt mich» sehnsüchtig ein Akkordeon erklingt oder auf der Videoleinwand ein Spielzeugboot zu sehen ist.

Derartige Ideen zum großen Ganzen im Leben goutiert das Publikum besser als vereinzelte Kritik an den Niederungen der Tagespolitik. Für sein markiges «Dieser Krieg ist ein völliges Absurdum und gehört sofort beendet» zum Afghanistan-Einsatz bekommt Grönemeyer zwar gefälligen Applaus, der darauf folgende Song «Auf dem Feld» scheint aber eher zu irritieren.

Trotzdem bleibt ein Abend, der sich für viele so angefühlt haben mag, als ob sie mit einem alten Freund bei einer guten Flasche Wein über das Leben und all seine Facetten sinnieren. «Das Lied geht extrem um mich selber. Wie an sich alles heute abend», meint Grönemeyer. Ob das stimmt? In erster Linie dürfte sein Erfolg darauf beruhen, dass es in seinen Texten um sehr, sehr viele Menschen geht. dpa