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11.10.2012

Karlsruher Aufnahmestelle für Flüchtlinge überlastet

Karlsruhe. Trocknende Wäsche auf den Zäunen, übervolle Kindergarten-Gruppen, eine zum Matratzenlager umfunktionierte Teestube: Die Landesaufnahmestelle für Flüchtlinge in Karlsruhe ist voll wie nie.

Bildergalerie: Landesaufnahmestelle für Flüchtlinge überlastet

Der Blick durch die Tür zeigt kein schönes Bild. Matratzen liegen herum, zerknüllte Tempos, Kippen, dazwischen glänzt der Boden feucht. Eine Frau wischt um die Lager herum, auf der einige Männer liegen. Es ist stickig, zu viel Atem für einen Raum. Rechts von der Tür eine verwaiste Theke. Das Matratzenlager war bis vor sechs Wochen die Teestube der Karlsruher Landesaufnahmestelle für Flüchtlinge. Bis einfach zu viele kamen. Bis zu wenige wieder gingen. Bis einfach kein Platz mehr übrig war zum Teetrinken.

Die Landesaufnahmestelle, kurz «Last», ist komplett überlastet. Rund 1100 Menschen leben hier derzeit. Gedacht sind die Gebäude für allerhöchstens 930 Menschen, «Obergrenze», sagt Leiter Manfred Garhöfer. Weitere 600 Flüchtlinge sind in «Außenstellen» in der Stadt untergebracht. Sprich: Arbeiterwohnheimen, Pensionen, kurzzeitig ein verlassenes Bürogebäude, was die Karlsruher CDU-Fraktion zu Protesten gegen die unwürdigen Zustände veranlasste. Nützt ja nichts, sagt Garhöfer: «Wir haben eben die Aufgabe, die Flüchtlinge und Asylbewerber aufzunehmen und vorübergehend unterzubringen.» Eine logistische Meisterleistung sei das.

Die Asylbewerberzahlen steigen seit längerer Zeit wieder an, bundesweit, auch in Baden-Württemberg. Tag für Tag kommen neue Flüchtlinge an, zuletzt vor allem aus dem ehemaligen Jugoslawien. Nacht für Nacht müssen sie irgendwo bei der «Last» ein Dach über dem Kopf bekommen. Momentan liegt die Betonung auf irgendwo.

«Es ist nicht leicht, von heute auf morgen Unterkünfte zu organisieren», sagt Konrad Schaub, als Referatsleiter zuständig für die Aufnahme der Menschen. «Unsere logistischen Ressourcen sind mehr als überstrapaziert.» Die Menschen nächtigen auch auf den Fluren. Fotos davon sind nicht erlaubt, auch nicht in einem der Zimmer. «Wir möchten positive Berichterstattung», betont Garhöfer.

Allein im Monat September sind rund 1040 neue Asylbewerber gekommen. In den ersten neun Monaten des Jahres waren es fast 5000, bis Ende des Jahres rechnet Garhöfer mit weiteren etwa 3000. Bereits im vergangenen Jahr waren die Zahlen neuer Asylbewerber schon um elf Prozent auf über 5200 angestiegen. Sie alle stranden zunächst in der Landesaufnahmestelle.

Von dort werden sie nach vier bis sechs Wochen weiterverteilt in die Städte und Gemeinden, die verpflichtet sind, sie gemäß bestimmter Quoten aufzunehmen. Nur: Genau da hakt es seit geraumer Zeit. «In Jahren sinkender Asylbewerber-Zahlen haben viele Kommunen ihre Unterkünfte zurückgebaut», sagt eine Sprecherin des Gemeindetags. «Jetzt müssen viele relativ schnell wieder aufstocken und kommen da nicht ganz hinterher.»

Man werde «weiter mit Nachdruck darauf hinwirken, dass die anderen 43 Stadt- und Landkreise in Baden-Württemberg ihrer gesetzlichen Verpflichtung zur Übernahme der zunächst in Karlsruhe aufgenommenen Asylbewerber nachkommen», heißt es aus dem Integrationsministerium. «Die Stadt Karlsruhe und das Land arbeiten gemeinsam daran, die Situation in der Stadt möglichst bald zu entspannen», sagte Ministerin Bilkay Öney (SPD) nach einem Gespräch in der «Last» vergangene Woche.

«Wir sehen, dass es Tendenzen zur Verbesserung gibt, aber natürlich sind die Zustände so nicht hinnehmbar», sagt der Grünen-Landtagsabgeordnete Alexander Salomon. Man werde die Quadratmeterzahl für die Flüchtlinge erhöhen oder wenigstens darauf dringen, die Bettenzahl in den Zimmern zu reduzieren. Aus vielen Vierbett-Zimmern sind Sechs- oder sogar Achtbettzimmer geworden.

Auf dem Gelände stehen die Menschen in Gruppen, ein Pulk sammelt sich sogleich, viele wollen erzählen, sich beschweren, sind aufgebracht. «Es ist schmutzig, die Toiletten stinken, wir schlafen seit Tagen auf Matratzen», klagt Maria Simic aus Serbien. Ihr Landsmann Dennis Demirov hält seine acht Monate alte Tochter Sanie im Arm, sie schläft, klein und blass. «Hier nicht gut für kleine Kinder», sagt er. «Bronchitis, müde», sagt er.

Ein Toilettenwagen soll her, damit sich die hygienische Situation bessert, sagt Schaub. Der Kindergarten auf dem Gelände betreut inzwischen in zwei Gruppen 30 bis 40 Kinder auf einmal. «Im Moment ist die Situation echt angespannt», sagt Erzieherin Claudia Belgheck. Acht Waschmaschinen und acht Trockner reichen nicht aus für die Wäsche der Menschen. Über den Eisengeländern rund um die kärglichen Grünanlagen hängen Kleidungsstücke.

Ende des Jahres werde sich die Lage wieder entspannen, ist Garhöfer zuversichtlich. Bis dahin sollen viele der Kommunen ihre Unterkünfte hergerichtet haben. Der Grünen-Abgeordnete Salomon will im Dezember noch mal in die «Last» fahren und sich ein Bild verschaffen. Maria Simic, die schon zum zweiten Mal einen Asylantrag stellt, hat die Landesaufnahmestelle dann wohl schon wieder verlassen. Besonders schöne Erinnerungen daran wird sie nicht haben. Manchmal beginnt ein besseres Leben eben nicht so gut.

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