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Die Verlegung der Straßenbahn unter die Erde nötigt den Karlsruhern viel Geduld ab. Baustellen-Führungen sollen den Ärger in Begeisterung über das ehrgeizige Projekt verwandeln.
Karlsruhe: Baustellen-Tourismus © dpa
19.09.2014

Karlsruher Baustellen-Tourismus: Baggern für den Fortschritt

«Wow! Gigantisch!» Besucher von Karlsruhe staunen über den gigantischen Tunnelbohrer am Durlacher Tor. Sie zücken Smartphones, Video- und Fotokameras, um das Gerät mit dem Bohrkopf in den badischen Farben Rot und Gelb Bohrgerät in rund 15 Meter Tiefe für die «Ewigkeit» festzuhalten.

«So etwas sieht man schließlich nie wieder», freuen sich die Teilnehmer der Baustellenführung. Kleine Jungs geraten beim Anblick von Baggern, Baustellen und Lastern ins Schwärmen. Alle anderen  sind nur genervt von Staus, Umleitungen und Lärm, die in Karlsruhe inzwischen zum Alltag gehören, weil dort die Straßenbahn unter die Erde gelegt wird. Aber die Baustellenstadt hat einen Dreh gefunden, wie auch Erwachsene die Gruben als faszinierend erleben können: Sie hat Führungen organisiert, bei denen das Herz der Baustellen erkundet werden kann. 

Schon seit 2000 organisiert die Initiative «Ja zur Kombilösung» mit der Karlsruher Schieneninfrastruktur-Gesellschaft mbH (KASIG) bis zu sechs kostenlose Baustellenbegehungen pro Jahr. Auch das Stadtmarketing bietet gegen einen «kleinen Obulus» Baustellen-Führungen an.

 

Die Interessenten rennen den Organisatoren förmlich die Bude ein. «Es war schon zuvor ein Run, aber seit der Bohrkopf unten und die Haltestelle Durlacher Tor sichtbar ist, hat sich das verschärft», sagt Achim Winkel von der KASIG. Auch Sascha Binoth, Citymanager des Startmarketing bestätigt den Hype. Da die Führungen im laufenden Betrieb stattfinden, können nicht so viele organisiert werden, wie Menschen teilnehmen wollen. Rund 80 Einzelpersonen kommen pro Woche vorbei und informieren sich. Anfragen zu Führungen sind es weit mehr pro Woche. Anfangs kamen sie um zu schimpfen, jetzt sind Führungen innerhalb weniger Stunden ausgebucht, sagt Silke Braun von der Kasig. «Wahrscheinlich müssen wir am 26. Oktober zum Tag der Offenen Baustelle wegen Überfüllung zeitweise schließen», lacht sie.

Die Besucher interessieren sich nicht nur für die Baustellen, sondern auch für die Geräte, vor allem den Bohrkopf des Karlsruher «Fächerwurms». Obwohl er beruflich bereits beim Bau des Gotthard-Basis-Tunnels dabei war, sind Andreas Engel und seine Mutter Gisela auch zur Baustelle gekommen und wollen sich den Bohrer und den Fortschritt der Bauarbeiten ansehen. «Wir waren beide schon bei einer Führung. Wir wollen uns von den Dimensionen des Schneidrads selbst ein Bild machen.»

Die Fachleute der Kasig, die durch die Baustellen führen, hören Fragen zu Größe, Durchmesser und Länge des Bohrgeräts, aber auch Fachfragen, wie dick Spundwände, wie tief die Verankerungen oder aus welchem Material gewisse Vorrichtungen sind. Für die Laien unter den Besuchern verdeutlichen sie: «Allein der Aushub ergäbe aneinandergereiht eine Strecke von Karlsruhe nach Neapel.»

Auch eine Kinderführung gab es bereits. Erklärungen speziell für die Kleinen, das Erklettern eines Baggers und vor allem ein Souvenir - Steine aus dem Bauloch - gehörten dazu. 

Der Baustellentourismus boomt. Das bringt Akzeptanz für die Arbeiten mit sich, da sind sich die Organisatoren einig. Auch haben schon Cafés mit speziellen Baustellen-Kuchen und eine Baustellen-Postkarte den Trend für sich entdeckt. 

Jeder Besucher ist ein Multiplikator, der die Botschaft weiter trägt, dass sich etwas tut, und kann das Vorurteil entkräften, dass Geld in «Millionengrab» verschwindet. Es tut sich was, Baustellen bedeuten Fortschritt. «Wir sehen den Fortschritt selbst vor Ort», sagt Harald Zorn aus Eggenstein. Deswegen will er auch wiederkommen, um zu sehen, wie das ehrgeizige Verkehrsprojekt weiter Gestalt annimmt.