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Flüchtlinge beziehen am 02.08.2015 in Neuenstadt am Kocher (Baden-Württemberg) ein temporäres Zeltlager. Die Flüchtlinge wurden in zwei Bussen von der überfüllten Erstaufnahmestelle in Ellwangen in das Lager, welches bis zu 200 Flüchtlingen Platz bietet, gebracht.
Flüchtlinge beziehen am 02.08.2015 in Neuenstadt am Kocher (Baden-Württemberg) ein temporäres Zeltlager. Die Flüchtlinge wurden in zwei Bussen von der überfüllten Erstaufnahmestelle in Ellwangen in das Lager, welches bis zu 200 Flüchtlingen Platz bietet, gebracht. © dpa
05.08.2015

Kein Alkohol, mehr Sport und Arbeit: Flüchtlingsheime ringen um Ruhe

Stuttgart. Acht Menschen werden bei einer Schlägerei von rund 80 Asylbewerbern im thüringischen Suhl verletzt. 50 Flüchtlinge prügeln sich in ihrer Unterkunft in Heidelberg. 300 geraten in Ellwangen (Ostalbkreis) nach einer Reiberei an der Essensausgabe aneinander. Überfüllte Flüchtlingsquartiere in Deutschland bieten zahlreiche Konfliktherde - die Einrichtungen versuchen gegenzusteuern:

ETHNIEN: Die Landeserstaufnahmeeinrichtungen versuchen, die Flüchtlinge nach Ethnien und Nationalitäten zu trennen. «Ich kann mir durchaus vorstellen, dass die Konflikte, die es in den Herkunftsländern gibt, sich in den Unterkünften widerspiegeln», sagt Dagmar Nolden, Mitarbeiterin bei der Nichtregierungsorganisation Berghof Foundation aus Tübingen. Nolden lehnt die Trennung nach Ethnien - als Menschen mit einheitlicher Kultur - ab. Ziel müsse sein, bei den Bewohnern der Unterkünfte ein gegenseitiges Verständnis zu wecken. Allerdings seien die dafür notwendigen Sozialarbeiter schon ausgelastet. Die Landesregierung hat angekündigt, künftig Sozialarbeiter im Verhältnis 1:100 in den Unterkünften anzustellen.

Für den Leiter der Landeserstaufnahmeeinrichtung (Lea) in Ellwangen (Ostalbkreis), Berthold Weiß, geht es nicht um Konflikte zwischen Ethnien. Stattdessen gebe es Ärger zwischen zwei Menschen, denen sich im Streit Vertreter ihrer Nation anschließen würden.

AUSGABE VON ESSEN UND TASCHENGELD: «Oft sind es Nichtigkeiten, die zu einem Problem führen», sagt der Leiter des Lea Meßstetten, Frank Maier. Gerade bei der Essens- und der Taschengeldausgabe hätten Flüchtlinge Sorge, zu kurz zu kommen. «Da ist einfach eine Präsenz von Sicherheitsmitarbeitern wichtig, damit Konflikte gleich im Keim erstickt werden, bevor sie ausarten.» Mittlerweile seien auch die Essenszeiten auf bis zu drei Stunden ausgedehnt worden.

LANGEWEILE: «Dieses Nichts-tun-Können, so gehemmt zu sein, etwas Sinnvolles anzugehen, das bietet Konfliktpotenzial», erklärt Elmar Brähler, emeritierter Professor für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie an der Uni Leipzig. Unter anderem in Ellwangen gibt es neben Sportangeboten, Sprachkursen und Stricken auch gemeinnützige Arbeit. Die Flüchtlinge helfen maximal sechs Stunden am Tag etwa in der Wäschekammer, in der Kantine, beim Dolmetschen - oder beim Aufbau eines Flüchtlingszeltlagers an einer Autobahn bei Heilbronn. 1,05 Euro die Stunde erhalten sie als Lohn.

ALKOHOL: «Wir haben fast nur Auseinandersetzungen, wo Alkohol im Spiel ist», erzählt Maier. Auf dem Gelände der Einrichtung in Meßstetten etwa sind Schnaps und Co verboten. Der Sicherheitsdienst kontrolliert die Taschen am Eingang und regelmäßig die Zimmer. Randaliert ein Flüchtling betrunken, kommt die Polizei.

PSYCHE: In Ellwangen sind in vier Monaten insgesamt 25 bis 30 medikamentenabhängige Menschen aus Nordafrika aufgefallen. Alle hätten früher Antidepressiva genommen und nun Entzugserscheinungen bekommen, sagt Weiß. «Das sind vereinzelt Leute, aber die machen dann richtig Stunk.» Sie erhielten jetzt täglich ihre Medikamente von einem Arzt. In den Einrichtungen in Meßstetten und Ellwangen sind bisher keine Menschen aufgefallen, die aufgrund einer Traumatisierung aggressiv gewesen sind. Ein Flüchtling habe sich selbst verletzt, sagt Maier. Er kam in ein psychiatrisches Krankenhaus.

PLATZMANGEL: «Das größte Konfliktpotenzial, das wir haben, ist die massive Überbelegung», sagt Weiß aus Ellwangen. Bisher könnten sich die Menschen noch auf dem weitläufigen Gelände aus dem Weg gehen - aber wenn der Winter komme, werde es schwieriger. Die Lea in Ellwangen und Meßstetten waren jeweils auf maximal 1000 Menschen ausgelegt. Jetzt sind es 1600 in Ellwangen und 1550 in Meßstetten - nach zuletzt sogar 1800. Aktuell befinden sich 14 000 Menschen in den baden-württembergischen Lea an 15 Standorten.

PERSPEKTIVLOSIGKEIT: In Ellwangen erhalten die Flüchtlinge aus den Westbalkanstaaten schneller einen Termin für ihre Asylanträge - um die Menschen in der Regel schneller auszuweisen, sagt Weiß. «Das sorgt bei den Syrern, die sich zu Recht als wahre Kriegsflüchtlinge sehen, für Frust.» Ohne Anerkennung als Flüchtlinge könnten sie ihre Familien nicht nachholen. Der Leiter des Referates Migration und Integration beim Deutschen Caritasverband, Roberto Alborino, sagt: «Wenn die Personen merken, es gibt eine Perspektive, dann wirkt das deeskalierend.» Zudem sei es wichtig, die Menschen etwa bei der Gestaltung eines Spielplatzes einer Einrichtung einzubinden.