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Sie müssen ein dickes Fell haben: Die Ermittler in Fällen von Kinderpornografie bekommen Unsägliches zu sehen. Manchmal wird es sogar ihnen zuviel.
Sie müssen ein dickes Fell haben: Die Ermittler in Fällen von Kinderpornografie bekommen Unsägliches zu sehen. Manchmal wird es sogar ihnen zuviel. © dpa
11.05.2018

Kinderporno-Ermittler brauchen «Schutzpanzer» gegen Alpträume

Was Achim Holzmann fast täglich bei seiner Arbeit im Internet zu sehen bekommt, ließe anderen das Blut in den Adern gefrieren. Mit Argusaugen durchforstet der Kriminaloberkommissar beim Polizeipräsidium Heilbronn am Computer einen Daten-Dschungel nach Kinderpornografie.

Darunter fallen verbotene Darstellungen von Kindern in anzüglichen Posen bis hin zu Bildern von deren Vergewaltigung. In einem aktuellen Fall sucht der Beamte in 9,4 Millionen Fotos und 355 000 Videos danach und in einem weiteren Schritt nach Anhaltspunkten für Missbräuche in Deutschland. Holzmann sagt: «Die Datenmengen erschlagen uns.» Grund: Das Internet macht es einfacher, sich Kinderpornografie zu besorgen - anonym und von zu Hause aus.

Holzmann hat sich im Studium mit Internetkriminalität und Kindeswohlgefährdung beschäftigt und ist damit gut vorbereitet für den Kampf gegen Kinderpornografie. Der blonde Mann mit Brille und seine fünf Kollegen schaffen die Grundlagen für die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. Der Stuttgarter Staatsanwalt Heiner Römhild lobt ihre Recherchen: «Uns ist es bewusst, welche Belastungen das für die ermittelnden Beamten bedeutet - umso dankbarer sind wir für ihre wertvolle Arbeit.»

Die Fallzahlen sind erschreckend: Im Jahr bearbeiten Holzmann und sein Team im Bezirk des Polizeipräsidiums Heilbronn - dazu gehören auch Mosbach, Künzelsau und Tauberbischofsheim -  rund 70 Fälle des Besitzes und Verbreitens von Kinderpornografie. Hinzu kommen noch Missbrauchsfälle, in denen ebenfalls solches Material ausgewertet wird. In Heilbronn wird gerade in einem spektakulären Fall gegen einen früheren Kita-Leiter wegen des Besitzes einschlägiger Bilder und Videos sowie wegen Missbrauchs eines Jungen ermittelt.

«Hinter jedem kinderpornografischen Bild steckt ein Opfer und in der Regel auch ein sexueller Missbrauch», betont Holzmann. Allerdings sei nicht jeder Konsument von Kinderpornos ein «Missbraucher», aber fast jeder, der sich an Kindern vergehe, besitze solches Material. Dieses wird immer extremer. «Es gibt eine gesellschaftliche Enthemmung», hat der Mittvierziger beobachtet. Die Vergewaltigung einer Vierjährigen von zwei Männern gleichzeitig gehört zu den schlimmsten Bildern, die er je zu sehen bekam.

Das sind die Momente, in denen Holzmann sich mit seinen Kollegen austauscht. «Wir passen hier aufeinander auf.» Wenn ein Fahnder im Traum noch von kinderpornografischen Bildern verfolgt werde, müsse er die Tätigkeit wechseln. Für Holzmann ist vor allem die Routine hilfreich. «Ich habe mir einen Schutzpanzer angelegt - sonst ist das nicht auszuhalten.» Seiner Familie will er nicht von seinen schockierenden Entdeckungen im Netz erzählen. «Sonst ängstigt man auch sein Umfeld», sagt der Vater zweier Kinder im Alter von sieben Jahren und zehn Jahren.

Die Identifizierung von Opfern oder Tätern ist auch für Experten wie Holzmann schwierig. Die Täter wollen sich und die Kinder möglichst wenig erkennbar machen. Deshalb ist auch ein Abgleich von Porträtfotos möglicher Opfer mit vorhandenen Dateien wenig aussichtsreich. Gleiches gilt für Bilder, die über Server im Ausland oder über das Darknet verbreitet werden. Am leichtesten kommt Holzmann über Tauschbörsen auf die Spur von Kriminellen. Dann wird ausgehend vom ersten Verdächtigen im Schnellballsystem ermittelt.

Was treibt den Mann an? Er sagt: «Unser größter Erfolg ist, wenn aufgrund unserer Ermittlungen ein Täter oder Tauschring dingfest gemacht und anhaltender Kindesmissbrauch gestoppt werden kann.»