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14.09.2012

Klein-Schottland in Schwaben - Owen ist Whisky-Hochburg

Owen. Christian Gruel ist in gewisser Weise zum schwäbischen Whisky-Pionier geworden. Als er 1979 zum ersten Mal in Schottland war und sah, wie dort Whisky hergestellt wird, war der Destillerie-Besitzer aus Owen (Kreis Esslingen) sofort begeistert. Rund zehn Jahre später holte er den Whisky nach Schwaben - und löste eine regelrechte Welle aus. Denn wo jahrhundertelang vor allem Äpfel und Zwetschgen von den Streuobstwiesen zu Destillaten verarbeitet wurden, gibt es heute schon gut 20 Whisky-Hersteller.

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Und Gruels Heimatort Owen ist eine echte Hochburg geworden: Drei Destillerien gibt es dort inzwischen - das gibt es außerhalb Schottlands weltweit in keinem anderen Ort. Damit will der Ort nun Touristen anlocken.

In seinem Lager steckt der 76-Jährige Gruel seinen Whisky-Heber in eines der Fässer, befördert ein wenig des Destillats nach oben und probiert einen Schluck. «Der schottische Whisky ist oft rauchig und torfig, unserer hier ist etwas milder», erklärt er. Bis sein Schwäbischer Whisky so schmeckte, wie Gruel es wollte, hat er lange herumprobiert, den Whisky in verschiedenen Fässern gelagert - und manchmal habe auch der Zufall geholfen, gibt er zu.

Bei den Schotten und Iren hat das Getreide-Destillat eine jahrhundertelange Tradition. Auf der Schwäbischen Alb auch - allerdings keine sonderlich ruhmreiche. Die Landwirte hierzulande haben ihr Korn im Winter gebrannt, weil die Rückstände der Destillation, die Schlempe, als nährstoffreiches Futter an das Vieh verfüttert wurde, erklärt Landwirt und Whisky-Brenner Thomas Dannenmann. Der Kornbrand war ein - nicht unwillkommenes - Nebenprodukt. Doch wirklich Geld verdienen ließ sich damit kaum. Das war beim Whisky anders. Dabei unterscheidet er sich vom Kornbrand nur dadurch, dass er noch mindestens drei Jahre in Holzfässern lagert.

«Als ich das zum ersten Mal gesehen habe, habe ich gleich gedacht: Sowas kann ich mir auch vorstellen», erzählt Gruel. 1989 lagerte er seinen ersten Whisky ein. Im gleichen Jahr organisierte er eine Reise mit dem Owener Obstbauernverein nach Schottland und begeisterte noch andere Destillerie-Besitzer im Ort. Neben Gruel, der die Destillerie inzwischen an seinen Enkel Immanuel übergeben hat, brennen heute noch Thomas Dannenmann und Thomas Rabel einen Owener Whisky. Damit sei die 3500-Einwohner-Gemeinde der weltweit einzige Ort außerhalb Schottlands, in dem «Jim Murray's Whisky Bible» drei Brennereien verzeichne, erzählen die Brenner stolz.

Der Markt sei da, sagt Hans-Peter Schwarz, Marketing-Fachmann und Besitzer eines Geschäfts für regionale Spezialitäten in Tübingen. «Whisky ist das Getränk, dass die meisten echten Liebhaber hat», sagt er. Seit Schwäbischer Whisky in den vergangenen Jahren Thema in Fachzeitschriften und spezialisierten Internetblogs ist, kämen Anfragen von Interessenten aus ganz Deutschland und darüber hinaus.

Schwarz will deshalb zusammen mit den Whisky-Erzeugern den Ort Owen noch stärker als Whisky-Hochburg vermarkten. Im September starten sogenannte Whisky-Walks - geführte Touren, die den Weg vom Rohstoff auf den Kornfeldern bis zur Verarbeitung in den drei Destillerien zeigen. Ein Restaurant bietet passend dazu Whisky-Menüs an, und auch einige Pensionen steigen auf den Marketing-Zug auf. «Wir wollen die Menschen neugierig machen und zeigen: Hier tut sich kulinarisch was», sagt Schwarz. Das passt auch in das Konzept des Tourismusverbands, der der Schwäbische Alb im Moment bundesweit als Genießerregion anpreist.

In Owen jedenfalls sind die Hoffnungen groß. Und die Whisky-Produzenten haben schon die nächsten Pläne, wie sie die Schotten ärgern wollen. In einigen schwäbischen Brennereien wird seit einigen Jahren mit Whisky aus Alb-Dinkel experimentiert. Damit, so sagen sie, soll der schwäbische Whisky endgültig zu einer ganz eigenen Marke werden.