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Die stellvertretende Geschäftsführerin des 98. Deutschen Katholikentags, Anne Borucki, hält einen Rucksack mit dem offiziellen Motto "Einen neuen Aufbruch wagen" in den Händen.
Die stellvertretende Geschäftsführerin des 98. Deutschen Katholikentags, Anne Borucki, hält einen Rucksack mit dem offiziellen Motto "Einen neuen Aufbruch wagen" in den Händen.
22.02.2012

Klohäuschen und Kanzlerin - Junges Team plant den Katholikentag

Mannheim (dpa/lsw) - Das Wohl des altehrwürdigen Katholikentags liegt in den Händen eines jungen Teams. «Haben wir Mitarbeiter, die älter als 35 Jahre alt sind?» Die fürs Personal zuständige Geschäftsführerin Anne Borucki überlegt kurz. «Nicht mehr als eine Handvoll.» Die 33-jährige Diplompädagogin hegt dennoch keinen Zweifel, dass ihre rund 40 Mitarbeiter den 98. Katholikentag im Mai in Mannheim stemmen werden. «Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren - und wir liegen gut im Rennen.»

Das Team hat in einem repräsentativen Klinkerbau, einem ehemaligen Industriegebäude aus der Gründerzeit, sein Domizil aufgeschlagen. Zum Kongresszentrum Rosengarten, dem Zentrum des Katholikentags, ist es nicht weit. Die Gänge sind mit blauem Teppich ausgelegt, an den Wänden Plakate und farbige Fahnen früherer Katholikentage.

Fromme Papstbilder oder erbauliche Sprüche sucht man vergebens. «Das konservative Kirchenbild passt nicht zu uns; wir sind politische und freche Katholiken», sagt die Leiterin der Presseabteilung, Gudrun Lux. Im Gegensatz zu Borucki, die zum dritten Mal im Orga-Team eines Katholikentages sitzt, zählt die 31-Jährige zu den Neulingen. Sie wundert sich, «was da alles dranhängt, wenn man eine Stadt mit 50 000 Menschen fluten will».

Viele Arbeiten sind offensichtlich: Der Ticketverkauf, die Betreuung der erwarteten 25 000 Dauerteilnehmer und mehr als 30 000 Tagesgäste, die Suche nach Unterkünften, die noch etwas schleppend läuft. Für die Jugendgruppen ist zwar gesorgt - sie schlafen in Klassenzimmern. «Wir brauchen aber noch rund 4000 Privatquartiere und bisher haben wir erst 700. Langsam drängt es», sagt Lux, die nun weitere Aufrufe starten will. Motto: «Ein Bett wär nett!»

Auch das Programm mit rund 1200 Veranstaltungen vom 16. bis 20. Mai will vorbereitet sein. «Dafür sind in erster Linie ehrenamtliche Arbeitskreise verantwortlich. Wir führen das hier zusammen», erzählt Lux. «Die Ausrichtung ist diesmal mehr auf innerkirchliche Themen ausgerichtet als bei früheren Katholikentagen.» Etwa ein Drittel der Veranstaltungen dreht sich um Fragen wie den Umgang mit Kindesmissbrauch und den Folgen des Priestermangels und der schrumpfenden Gemeinden. «Das beschäftigt die Gemeinden.» Dennoch bleibe genug Raum, um auch die Weltverantwortung der Kirche zu beleuchten.

Damit so ein Großereignis über die Bühne gehen kann, werden genau solche gebraucht: Bühnen. «Wir haben lange nach passenden öffentlichen Plätzen gesucht», berichtet Patrick Elling von der Logistik-Abteilung. «Das war nicht leicht, denn Mannheim ist eine sehr enge und verbaute Stadt.» Allein auf der sogenannten Kirchenmeile sollen 280 Pagodenzelte Platz finden. «Das muss alles mit der Stadtmöblierung - wie es so schön heißt - zusammenpassen. Es stehen ja überall Bänke, Schilder oder Säulen 'rum.»

Am Ende muss immer ein Kompromiss eingegangen werden. «Für den Gottesdienst an Christi Himmelfahrt etwa, der im Fernsehen übertragen wird, haben wir uns für den Platz vor dem Schloss entschieden. Der ist zwar eigentlich zu klein, aber die Kulisse ist umwerfend - und wir können jetzt die Straßen für die Gottesdienstbesucher mitnutzen, so dass alle Platz finden», erzählt Elling. Ihm arbeitet eine externe Firma mit Architekten und Bauingenieuren zu, die sich um Berechnungen und Genehmigungen kümmert: von der Vermessung von Gebäuden über Straßensperrungen bis zum Aufstellen von Klohäuschen.

Elling muss auch mit Polizei und Sicherheitsdiensten verhandeln, vor allem für die Auftritte der Prominenten. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und fast alle ihre Kabinettskollegen haben sich angesagt, dazu etliche Minister der Landesregierung. Eine Zusage aus dem Bundespräsidialamt liegt vor - und jetzt steht ja auch fest, wer kommt: Joachim Gauck, passenderweise ein Pfarrer - wenngleich evangelisch. «Wir legen bei solchen Auftritten natürlich Wert darauf, dass unsere Helfer mit den Katholikentagstüchern neben Merkel und Co stehen und nicht Anzugmänner mit Knopf im Ohr», sagt Borucki.

Passend zur Jahreszahl will das Orga-Team 2012 freiwillige Helfer rekrutieren. Bislang liegen erst 700 Namen vor. «Das ist nicht ungewöhnlich. Wir gehen davon aus, dass sich die meisten erst kurz vor dem Stichtag am 15. März übers Internet melden», sagt Jonas Endersch. Der 24-Jährige weiß, wie die Helfer ticken, schließlich hat er den Job selbst Jahre lang gemacht, Papphocker zusammengebaut, Eingänge kontrolliert, Besucher geführt.

Jetzt sitzt der Chemiestudent auf der anderen Seite - im Hauptamt - und hofft nicht zuletzt auf die vielen Jugendlichen, die im vergangenen Herbst beim Papstbesuch im Einsatz waren. Damit es ihnen an nichts fehlt, packt er für jede Helferstation ein Überlebenspaket zusammen. «Absperrband, Kabelbinder, Radiergummi», liest er ein paar Begriffe der umfangreichen Liste vor.

Im Büro darunter stellt Hanna Penth ebenfalls Listen zusammen. Sie ist für die Geschenkshops verantwortlich. Fahnen, Taschen, T-Shirts, Stifte, Anstecker, Kerzen, Rosenkränze und und und. Gemeinsam mit der Popakademie haben junge Bands zudem eine CD eingespielt zum Motto des Katholikentags «Einen neuen Aufbruch wagen». «Es sind nicht die Söhne Mannheims, aber die Enkel», scherzt Lux.

«Das hat mit Kommerzialisierung nichts zu tun», entgegnet Borucki Vorwürfen aus konservativen Kreisen. «Wir verdienen da so gut wie nichts dran, aber die Leute fragen danach.» Gudrun Lux sieht durchaus Parallelen zu Musikfestivals wie «Rock am Ring». «Die Menschen wollen ein Souvenir mit nach Hause bringen. Das geht mir nicht anders.»

Dennoch spielt Geld natürlich auch eine Rolle. Rund 8,5 Millionen Euro werden für den Katholikentag veranschlagt. Davon übernehmen Bund, Land und Stadt rund 3,5 Millionen und die katholische Kirche 2,1 Millionen Euro. Den Rest erbringen Eintrittsgelder, Fundraising und Zuschüsse für Einzelprojekte. Zudem versucht das Team, mit Partnern Sonderkonditionen auszuhandeln, etwa bei der Anmietung von Autos für den Fahrdienst, der Einrichtung von drei Fahrradstationen oder bei Extrakarten für Busse und Bahnen. «Es ist ja allen geholfen, wenn die Leute nicht alle mit dem Auto kommen», sagt Borucki. «Und unser Publikum ist ja sehr umweltbewusst.»

Lux muss mit ihrem Presseteam all diese Informationen «verkaufen». Zum Katholikentag haben sich rund 800 Journalisten aus aller Welt angemeldet. Dann wird sie ihr Team von bislang 4 auf 70 aufstocken, darunter auch viele Ehrenamtliche, die sich vor allem um die neuen Medien kümmern sollen.

«Das wird der erste Katholikentag, bei dem wir so richtig mit breiter aktueller Berichterstattung auf unserer Internetseite, Twitter und Facebook loslegen», kündigt Lux an. Vor ihrem Zimmer hängt die passende Karikatur. «Ich bin allmächtig», sagt Gott auf dem Thron. «Das reicht nicht», wagt ein Engel Widerspruch. «Sie müssen auf Facebook sein.»

Neben dem Spaß legt das Team auch Wert auf christliche Rituale. Katholisch sein ist zwar keine Einstellungsbedingung, aber eine christliche Grundeinstellung wird vorausgesetzt. So sind auch ein Rumänisch-Orthodoxer und einige Protestanten an Bord. Einmal im Monat kommt ein Priester und hält Gottesdienst. Die Mitarbeiter selbst organisieren jeden Montag einen sogenannten Mittagsimpuls, eine kleine Andacht, bei der gesungen und gebetet wird.

Das Organisationsteam ist eine Gemeinschaft auf Zeit. Die meisten kommen von außerhalb und nur für wenige Monate nach Mannheim. Die meisten Verträge laufen bis Ende Juli, Urlaub inklusive. Anschließend werden einige ihr Studium wieder aufnehmen, andere direkt ins Vorbereitungsteam des nächsten Katholikentags wechseln, der 2014 in Regensburg geplant ist.

Für wieder andere werden sich Türen zu einer neuen Karriere öffnen. Denn das Organisationsteam des Katholikentages gilt als Kaderschmiede. Borucki etwa hat innerhalb von vier Jahren den Sprung von der Mitarbeiterin der Geschäftsführung bis in die Spitzenposition geschafft: «Ich träume wie viele andere auch davon, in einem der großen katholischen Hilfswerke oder Verbände unterzukommen.» Der Blick auf ihre Vorgänger zeigt: Die Chancen sind gut.