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Milliardengrab: Je tiefer die Arbeiter vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof buddeln, desto höher scheinen die Baukosten zu steigen. Jetzt sollen sie schon bei sechs Milliarden Euro liegen.
Milliardengrab: Je tiefer die Arbeiter vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof buddeln, desto höher scheinen die Baukosten zu steigen. Jetzt sollen sie schon bei sechs Milliarden Euro liegen. © dpa/Dietz
06.12.2012

Kostet Stuttgart 21 jetzt schon sechs Milliarden Euro?

Die nächste Hiobsbotschaft: Das Bahnprojekt Stuttgart 21 soll nun angeblich 1,5 Milliarden Euro teurer werden. In dem Fall müsste nur noch jemand gefunden werden, der das bezahlt.

Das Inforadio des Hessischen Rundfunks (hrINFO) zitierte am Donnerstag einen Vertreter des Bahn-Konzerns mit den Worten: «Insgesamt läuft es auf Kosten von 6 Milliarden hinaus.» Das Bahnprojekt Stuttgart 21 wird nach diesem Medienbericht sogar um 1,5 Milliarden Euro teurer als zuletzt angegeben.

Am kommenden Mittwoch ist die Aufsichtsratssitzung der Bahn, bei der Vorstand Volker Kefer die neuesten Zahlen präsentieren will. Der Kostendeckel liegt bei 4,5 Milliarden Euro. Vor kurzem hatte es aus dem Umfeld der Bahn geheißen, die Kosten für den Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs in eine unterirdische Durchgangsstation mitsamt der Anbindung an die Schnellbahnstrecke Wendlingen-Ulm werde um eine Milliarde Euro steigen.

Bahnchef Rüdiger Grube sieht dagegen einer möglichen Kostensteigerung des Milliardenprojekts Stuttgart 21 gelassen entgegen. Der Bahn-Aufsichtsrat werde die Zahlen am 12. Dezember beraten, sagte Grube der Nachrichtenagentur dpa am Dienstag. Ihm sei wichtig, dass die Kosten geprüft werden, bevor es weitere Spekulationen gebe. Es mache derzeit keinen Sinn, eine öffentliche Debatte über Kostenentwicklungen und die Konsequenzen daraus zu führen. Zahlen wollte der Bahnchef nicht nennen.

Wer mögliche Mehrkosten für den Umbau des Hauptbahnhofs in eine unterirdische Durchgangsstation mitsamt der Anbindung an die Schnellbahnstrecke Wendlingen-Ulm übernimmt, ist heftig umstritten. SPD-Landtagsfraktionschef Claus Schmiedel sagte der Deutschen Presse-Agentur: «Das ist Sache der Bahn.»

Er könne sich vorstellen, dass Mehrkosten aus dem geringen Baufortschritt herrührten. Die bisherigen Auftragsvergaben hätten nicht dazu beigetragen, betonte der Befürworter von Stuttgart 21. Andere Posten wie verbesserter Brandschutz oder neues Grundwassermanagement seien überschaubar. Die möglichen Mehrkosten für einen verbesserten Filderbahnhof am Stuttgarter Flughafen belaufen sich nach Bahn-Angaben auf 224 Millionen Euro.

Zuletzt hatte auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) unterstrichen, die unternehmerische Verantwortung für Mehrkosten liege bei der Deutschen Bahn. «Die Bahn kann nicht auf eine Beteiligung des Landes hoffen. Das weiß sie nicht erst seit gestern. Das weiß sie von Anfang an.»

Für den ökologischen Verkehrsclub VCD ist die Entwicklung keine Überraschung. «Jetzt kann wohl auch die Bahn selbst nicht mehr verleugnen, dass es ein massives Kostenproblem gibt», sagte Landeschef Matthias Lieb. Er erinnerte an die Prognosen des Bundesrechnungshofes, der das Projekt schon 2008 bei mehr als fünf Milliarden Euro gesehen hatte. Auch der ausgeschiedene S-21-Projektleiter Hany Azer habe auf Risiken von einer Milliarde Euro aufmerksam gemacht. «Er wollte nicht der Sündenbock sein, wenn sich die Risiken verwirklichen.»

Sollte die Obergrenze von 4,5 Milliarden Euro gesprengt werden, kann einer der Projektpartner die sogenannte Sprechklausel ziehen. Diese besagt, dass die Geldgeber dann miteinander über die Zukunft des Projektes sprechen. Das brisante Thema, wer bei Mehrkosten zahlt und nach welchem Schlüssel, wird darin nicht aufgegriffen.

Grünen-Landeschef Chris Kühn kritisierte: «Das ist die immer gleiche Salamitaktik der Bahn. Es fehlt hier völlig an transparenter Kommunikation.» Die derzeitigen Wasserstandsmeldungen bei den Mehrkosten widersprächen einmal mehr dem Versprechen der Bahn, Kosten und Risiken klar darzulegen. «Das Land hat sich zu einer Zahlung von 930 Millionen Euro bereit erklärt. Alles, was darüber hinausgeht, hat die Bahn als Bauherrin selbst zu verantworten.»

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