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Polizeifahrzeuge stehen in Ellwangen auf dem abgesperrten Marktplatz vor dem Landgericht. Foto: Stefan Puchner
22.11.2016

Krieg der Kutten - Rockerprozess startet mit blutigen Tatsachen

Es geht um Macht und falsch verstandene Ehre: Ein 26-jähriger Rockerboss steht in Ellwangen wegen Mordes vor Gericht. Er habe sich mit den tödlichen Schüssen auf seine Feinde nur verteidigt, sagt er.

Heidenheim/Ellwangen (dpa/lsw) - Es herrscht Ausnahmezustand im beschaulichen Ellwangen: Rund um das Gerichtsgebäude blockieren am Dienstag Mannschaftswagen und Absperrungen den Weg. Überall wimmelt es von Polizisten und Justizwächtern. Bärtige, kräftige Männer fahren in schweren Autos vor, sie tragen heute keine Kutten, sondern schwarze Leder- und Bomberjacken. Es sind Bodybuilder und Türsteher, sie müssen Metalldetektoren passieren, sie werden überprüft und abgetastet, ziehen ihre Gürtelschnallen und Schuhe aus, legen Geld, Tabak, Feuerzeuge in gelbe Körbe.

Unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen beginnt der Rockerprozess um die tödlichen Schüsse von Heidenheim. Getrennt voneinander werden die «Black Jackets» und die «United Tribuns» durch verschiedene Eingänge in den Verhandlungssaal geführt. Es sind Straßengangs aus dem Südwesten, die Behörden nennen sie rockerähnliche Gruppierungen. Und sie sind tief verfeindet. Nun sitzen sie direkt nebeneinander. Nur ein schmaler Gang trennt die Gangs. Die Männer schauen nach vorn, sie würdigen sich keines Blickes. Der Gerichtssaal ist voll. Dann wird der Angeklagte hereingeführt.

Bildergalerie: Krieg der Kutten - Rockerprozess in Ellwangen

Vieles von dem, was am 7. April vor dem Friseurladen in Heidenheim geschah, bleibt auch am ersten Verhandlungstag in Ellwangen ungewiss. Doch bereits die Gewissheiten lassen einem den Atem stocken: Nach Geschrei und Beleidigungen zwischen den Gangs trifft ein Projektil aus einer Entfernung von eineinhalb Metern die Bauchdecke des jüngeren Opfers, es durchschlägt sechsmal seinen Darm und bleibt im Gesäß stecken. Der 25-jährige «Sergeant at Arms» der Ulmer «United Tribuns» sackt zu Boden, aber er wird überleben.

Die nächsten drei Schüsse treffen seinen 29-jährigen Bruder - der erste durch den Unterarm in die Brust, der zweite in den Bauch, der dritte in den Rücken. Dem Vize-Präsidenten der Ulmer «United Tribuns» wird kurz darauf noch in einer Not-Operation die halbe Lunge entfernt. Zwei Tage später stirbt er trotzdem.

Hinter den tödlichen Schüssen stehen verletzte Ehre und der blanke Kampf um Macht auf der Straße. Die «Tribuns» machen den «Jackets» nach Angaben der Staatsanwaltschaft die Vorherrschaft streitig. Der Konflikt schwelt seit Monaten. Im April gründen sie kurz vor den Schüssen ein eigenes Chapter in Heidenheim. Vor dem Friseurladen kommt es zum Showdown. Die Rocker gehen vor die Tür, wollen die Angelegenheit in einer Hofeinfahrt wie Männer regeln, ohne Waffen, nur mit Fäusten. Dann fallen die Schüsse.

Der Angeklagte flüchtet mit seinen Kumpanen in einem Wagen, er wird aber kurz darauf festgenommen. Der 26-Jährige ist gelernter Maurer, aber nicht berufstätig, er lebt in Giengen. Er ist Vize-Präsident der Heidenheimer «Black Jackets». Er prügelt sich mehrere Monate vor den tödlichen Schüssen mit dem Chef der Ulmer «United Tribuns» in der Heidenheimer Autoarena - und unterliegt dabei. Das will er laut Staatsanwaltschaft nicht auf sich sitzen lassen. Er habe heimtückisch und aus niederen Beweggründen gehandelt. Die Anklage lautet Mord.

In grauer Jacke und blauer Jeans sitzt er nun auf der Anklagebank, die Wachtmeister nehmen ihm die Handschellen ab, er kratzt sich am Bart, zwinkert seinen «Brüdern» zu. Er gesteht die Schüsse vor Gericht, spricht aber von Notwehr. «Ich hatte blanke Angst», lässt er über seine Verteidigerin mitteilen. Sein Gegner habe sich an die Hüfte gefasst, als ob er eine Waffe ziehen wolle. «Es ging alles ganz schnell», sagte er. «Es tut mir leid was geschehen ist. Ich glaube aber, dass man mich umbringen wollte.»

Wieso er wirklich den Abzug drückte, soll nun an insgesamt sechs Verhandlungstagen geklärt werden. Dutzende Menschen stehen auf der Zeugenliste, unter anderem der Bruder des getöteten Opfers. Die meisten Gangmitglieder verlassen am Dienstag den Gerichtssaal bereits wieder, noch bevor alle Zeugen befragt sind. Die Behörden wollen den Prozess aber trotzdem weiterhin streng bewachen.

 

Rockerkrieg in Pforzheim

Auseinandersetzungen zwischen Hells Angels und United Tribuns sind den Menschen in Pforzheim noch gut in Erinnerung. Ende 2010 kam es auf dem Pforzheimer Güterbahnhof-Gelände zu einer Massenschlägerei. Rund 40 Rocker schlugen sich auf einem Parkplatz mit Macheten und Baseballschlägern, ein von einem Messerstich verletzter Mann schwebte in Lebensgefahr – und es fiel ein Schuss aus einer scharfen Waffe. Die Kugel schlug zum Glück in einem abgestellten Lieferwagen ein, in dem niemand saß.

Von da an gab es polizeiliche Untersuchungen und Razzien bei den beiden Gruppen. Die Hells Angels traf es mit Wohnungsdurchsuchungen gleich zweimal, im Dezember 2010 und im März 2012, während die United Tribuns bei einer Razzia im Februar 2011 unter anderem Waffen wie eine scharfe Maschinenpistole mit Schalldämpfer abgegeben mussten. Höhepunkt der Aktionen: Der Pforzheimer Verein der Hells Angels wurde verboten. Nach einigen Prozessen hört man im Augenblick nicht mehr viel von den Höllenengeln. Um die United Tribuns ist es in Pforzheim ebenfalls ruhiger geworden. Die Black Jackets, eine dritte Gruppe, die im Türstehermilieu der Region um Pforzheim mitmischte und rockerähnlich strukturiert war, verschwanden in der Bedeutungslosigkeit, nachdem zuerst die Jugendgruppe aufgelöst und der Gruppenführer zu einer Haftstrafe verurteilt wurde.

Nur ganz am Rande spielten auch die Rocker vom Gremium MC eine Rolle in Pforzheim. Sie scheiterten zum Beispiel mit einem Motorrad-Korso durch die Stadt, der wohl als Provokation der Hells Angels gedacht war. Stress mit Mitgliedern der Bandidos, die sich anderswo in Deutschland heftige Gefechte mit den Hells Angels lieferten, gab es in Pforzheim mangels einer Bandidos-Gruppe nicht. In der weiteren Region hat zuletzt die Gruppe der Red Legion für Aufsehen und Polizeieinsätze gesorgt. In Pforzheim jedoch sind sie noch nicht bemerkenswert aufgefallen.

Im Sommer 2016 machten die „Osmanen“ in Pforzheim von sich reden, eine mutmaßlich aus Istanbul gesteuerte türkisch-nationale Kuttenträger-Vereinigung. In einer Pforzheimer Disko auf der Wilferdinger Höhe wollten sie ein lokales Chapter – gewissermaßen einen Ortsverein – gründen. Die Polizei, die mit starken Kräften vor Ort war und die Personalien der „Osmanen“ aus ganz Deutschland aufnahm, sprach von etwas über 200 Teilnehmern. Bisher, so Erkenntnisse des Landeskriminalamts (LKA), gab es sechs Chapter in Baden-Württemberg: in Mannheim, Heidelberg, Stuttgart, Heilbronn, Konstanz und Ravensburg. Geschuldet war das Großaufgebot der Ordnungsmacht auch der Tatsache, dass man ein mögliches Aufeinandertreffen der „Osmanen“ mit Mitgliedern der kurdisch dominierten, ebenfalls rockerähnlichen Vereinigung „Bahoz“ unbedingt verhindern wollte.