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Mehrere Grundschüler singen 2014 in der Grundschule in Weißenau nach dem Unterricht ein Lied.
Mehrere Grundschüler singen 2014 in der Grundschule in Weißenau nach dem Unterricht ein Lied. © dpa
14.07.2017

Kultusministerin schnürt Paket gegen Lehrermangel

Stuttgart. Kultusministerin Eisenmann hat einen großen Instrumentenkasten vorgestellt, um dem Lehrermangel beizukommen. Darunter sind auch Maßnahmen, die nicht jedem Lehrer schmecken dürften.

Das Kultusministerium will an zahlreichen Stellschrauben drehen, um die Lücke von derzeit 700 unbesetzten Lehrerstellen im kommenden Schuljahr zu schließen. «Gegenwärtig besteht die Herausforderung darin, unter den Bedingungen eines Bewerbermangels einerseits und neuer bildungspolitischer Herausforderungen andererseits eine stabile Unterrichtsversorgung zu gewährleisten», sagte Ministerin Susanne Eisenmann (CDU) am Freitag in Stuttgart. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) kritisierte, dass die Landesregierung den Pflichtunterricht zum Beginn des neuen Schuljahrs nicht sicherstellen könne.

Der Engpass ist Folge einer überdurchschnittlich hohen Pensionierungswelle, neuer Aufgaben für die Schulen - darunter der Ausbau des Ganztagsangebotes und die Integration behinderter Schüler - sowie steigender Schülerzahlen. Als weiteren Grund für den Mangel nannte Eisenmann den Wegfall eines gesamten Jahrgangs von rund 400 Neubewerbern für die Grundschulen, weil deren Studienzeit auf acht Semester verlängert worden war. «Wir haben kein Ressourcenproblem, wir haben ein Bewerberproblem», resümierte sie. Insgesamt werden 5000 Stellen an den Schulen neu besetzt.

Zugleich bekräftigte Eisenmann, dass sie den noch von der Vorgängerregierung aufgrund «völliger Fehleinschätzungen» eingeschlagenen Stellen-Abbaupfad bis 2020 nicht weiter mitgehen wolle. Die geplanten Streichung von noch 700 Stellen hoffe sie, in den Haushaltsberatungen verhindern zu können. «Wir brauchen keinen Abbau, sondern einen Ausbau.»

Sie kündigte an, Lehrer müssten sich für eine bessere Steuerung der Ressourcen auf eine härtere Ansprache einstellen. Teilzeitkräfte, die nicht in Mutterschutz oder Elternzeit seien, könnten mit Hinweis auf dienstliche Gründe zu einer Mindestunterrichtsverpflichtung von 65 Prozent bewegt werden. «Die Sicherung der Unterrichtsversorgung ist ein dienstlicher Grund.». Der SPD-Bildungsexperte Stefan Fulst-Blei unterstrich: «Konsequenzen der Prüfungen bei Teilzeitbeschäftigung dürfen nicht in Nötigung ausarten.»

Die Schulaufsicht werde sich künftig auch trauen, so Eisenmann, Lehrkräfte aus überdurchschnittlich gut versorgten in schlechter ausgestattete Regionen zu versetzen. Es werde «zum Teil unangenehme Gespräche» geben, sagte die Präsidentin der Kultusministerkonferenz.

Die Unwucht in der Lehrerversorgung zeigt sich bei den Grundschulen, denen im neuen Schuljahr 400 bis 500 Lehrer fehlen. In Freiburg und Umgebung etwa gebe es mehr als einen Bewerber pro Stelle für das kommende Schuljahr - ebenso in Ulm, Karlsruhe, Heidelberg und Stuttgart. Zu den unterversorgten Gebieten gehören das Hohenlohische und Oberschwaben. Dort kommt auf zwei Stellen nicht einmal ein Bewerber.

Auf Interesse stoße das Angebot an rund 800 abgelehnte Bewerber für das Gymnasiallehramt, an Grundschulen zu unterrichten. Mehr als 100 junge Pädagogen hätten sich bereits danach erkundigt. Ihnen werde eine berufsbegleitende Qualifizierung und danach eine unbefristete Stelle angeboten.

Die GEW betonte, Lehrer wollten nicht ständig nur Lücken auf Bildungs-Baustellen stopfen. «Es macht den Beruf auch nicht attraktiver, wenn jetzt Druck auf Teilzeitkräfte ausgeübt
wird und Beurlaubungen und Versetzungen erschwert werden», sagte GEW-Landeschefin Doro Moritz.

Als Reservoir für eine bessere Lehrerversorgung sieht das Ministerium auch Pensionäre. Sie sollen nach einer Rückkehr an die Schule künftig mehr verdienen können. In den Flüchtlingsklassen werden bereits 185 zurückgeholte Pensionäre über die bisherige Hinzuverdienstgrenze bezahlt. Angehenden Pensionären wird ein Verbleiben bis zum 69. Lebensjahr finanziell schmackhaft gemacht. Die Grünen im Landtag wiesen aber darauf hin, dass nur 40 Prozent der Lehrer vollumfänglich bis zur Altersgrenze arbeiteten. Sie sehen Nachbesserungsbedarf beim Thema Gesundheitsvorsorge für Lehrer.

Weitere Maßnahmen des Ministeriums: In Regionen mit besonderem Bedarf werden beurlaubte Lehrer gebeten, vorzeitig zurückzukehren oder Vertretungen zu übernehmen. Quer- und Seiteneinstieg sollen stärker beworben werden. Referendare sollen vermehrt an Schulen in ländlichen Regionen eingesetzt werden. Eisenmann hofft auf einen «Klebeeffekt». Auch die Fremdevaluation - die Bewertung des Unterrichts durch Lehrer anderer Schulen - endet. Dadurch werden mehr Pädagogen für den Unterricht frei. Auch Abordnungen von Lehrern in die Schulverwaltung sollen auf den Prüfstand kommen.