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Eine Verbindung zur Rockerszene vermutet die Kripo Neu-Ulm, die nach den tödlichen Schüssen im Dezember nun auch wegen Brandstiftung ermittelt.
Eine Verbindung zur Rockerszene vermutet die Kripo Neu-Ulm, die nach den tödlichen Schüssen im Dezember nun auch wegen Brandstiftung ermittelt. © Symbolbild: dpa
21.07.2013

LKA-Chef warnt vor weiteren blutigen Rocker-Fehden

Stuttgart. Der Chef des Landeskriminalamtes, Dieter Schneider, hat vor weiteren blutigen Auseinandersetzungen zwischen Rockergruppierungen in Deutschland gewarnt. «Zu Machtkämpfen und massivsten Straftaten kommt es vermehrt immer dann, wenn den etablierten Rockergruppen - den sogenannten Outlaw-Motorcycles-Gangs (OMC) - rockerähnliche Gruppierungen in die Quere kommen», sagte Schneider der Nachrichtenagentur dpa in Stuttgart.

Von den Rocker-Fehden sind laut Schneider fast alle Bundesländer betroffen. Deswegen seien in der vergangenen Zeit vermehrt Vereinsverbote ausgesprochen und notwendig geworden. «Die klassischen Rocker wollen sich Einfluss und Macht sichern und die rockerähnlichen Gruppierungen neue Märkte erschließen.» Ihre kriminellen Tätigkeiten erstreckten sich von Menschenhandel, Zuhälterei über Waffen- und Rauschgifthandel bis hin zu Schutzgelderpressung. Viele Geschäfte würden über Strohmänner durchgezogen.

In Baden-Württemberg speziell hätten die etablierten OMC-Gruppen wie die Hells Angels, Outlaws, Bandidos und das MC Gremium im Laufe der Jahre «Konkurrenz» bekommen von sogenannten rockerähnlichen Gruppierungen. Diese heißen Black Jackets, United Tribuns, Red Legions und Black Warriors. «Im Bundesvergleich sind diese neuen gangartigen Gruppen bei uns aber deutlich überrepräsentiert», betont Schneider.

Die neuen Vereinigungen seien ähnlich hierarchisch strukturiert und hätten das gleiche Selbstverständnis wie die schon seit Jahrzehnten etablierten Rocker. «Sie gehen auch nach dem gleichen Motto vor: "Wir regeln unsere Angelegenheiten unter uns. Wenn uns jemand stört, kriegt er eins aufs Maul".» Der große Unterschied zwischen den beiden sei, dass bei den neuen Gruppen im Vergleich zu den klassischen Rockergruppierungen das Motorrad, wenn überhaupt, nur eine ganz unwesentliche Rolle spiele.

Die interne Struktur bei beiden erschwere die Strafverfolgung. «Sie verfolgen ihre Ziele mit Gewalt, tragen Abzeichen, üben sich vielfach in Kampfsportarten und machen keine Aussagen bei der Polizei. Es gilt das Gesetz des Schweigens auf Opfer- und auf Täterseite», erklärte Schneider. «Wir haben Charter, denen wir über Jahre hinweg keine Straftaten nachweisen können», sagte Schneider. Vielfach gingen die Mitglieder zur Verschleierung ihrer kriminellen Machenschaften legalen Geschäften nach. Im Fleischhandel, so wie in Nordrhein-Westfalen, seien die Rocker im Südwesten noch nicht aufgefallen. «Sie sind kaum mehr angreifbar, wenn sie sich nicht mehr selbst die Hände schmutzig machen.» Die vier klassischen Rockergruppierungen hätten einschließlich ihrer Unterstützer (Supporter) in 46 Charters (Gruppen) etwa 1200 Mitglieder in Baden-Württemberg, die rockerähnlichen zählten 800 Mitglieder in 36 Charters. Von der Struktur her legten sie zumindest nach außen größten Wert auf regionale Selbstständigkeit, betont Schneider. Die Polizei versuche auch mit allem, was beispielsweise das Ordnungsrecht hergebe, aufzufahren. Dies führe im Einzelfall auch zum Entzug von Konzessionen. Gemeint seien zum Beispiel gaststätten- oder waffenrechtliche Erlaubnisse oder Fahrerlaubnisse. Die Sicherheitsbehörden beobachteten die Szene mit verdeckten Ermittlern, Vertrauenspersonen und überwachten in Einzelfällen bei schweren Straftaten auch deren Telekommunikation.

Vereinsverbote seien an hohe Voraussetzungen geknüpft, sagte Schneider. «Sie müssen Straftaten von Mitgliedern dem Verein zuordnen können und beweisen, das sie von einem gemeinsamen Geist getragen wurden». Je mehr rockerähnliche Gruppierungen auf den Markt drängten, desto höher sei die Gefahr von Machtkämpfen, Racheakten und Vergeltungsaktionen.

Mitte Juni hatte Baden-Württembergs Innenminister Reinhold Gall (SPD) die im Großraum Stuttgart agierenden Red Legions und deren Jugendorganisation Red Nation verboten. Vor zwei Jahren wurde die Hells-Angels-Gruppe «Borderland» aus Pforzheim verboten. Ausschlaggebend für das Verbot der 15-köpfigen Rockergruppierung Hells Angels MC Charter Borderland und deren Unterstützerclub Commando 81 Borderland war unter anderem der brutale Rockerkrieg.