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Stuttgart 21

In Saudi-Arabien werden Großprojekte wie "Stuttgart 21" laut Baden-Württembergs Ministerpräsident Stefan Mappus schnell angegangen und realisiert.
In Saudi-Arabien werden Großprojekte wie "Stuttgart 21" laut Baden-Württembergs Ministerpräsident Stefan Mappus schnell angegangen und realisiert. © dpa
12.10.2010

Lächeln über "Stuttgart 21" in Saudi-Arabien

SAUDI-ARABIEN/STUTTGART. Ein Gefühl für die boomende Region am Golf wollte Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) mit seiner Delegationsreise durch Saudi-Arabien und Katar gewinnen. Dort angekommen zeigt sich der baden-württembergische Regierungschef erstaunt über die Innovationsbereitschaft seiner arabischen Gesprächspartner. "Wir bewundern, mit welcher Schnelligkeit sie Projekte angehen und realisieren", wiederholt er fortwährend. Gleichzeitig erteilte Mappus einem generellen Baustopp in Stuttgart erneut eine klare Absage.

Insofern wird Mappus auch am Golf an seine heimische Baustelle "Stuttgart 21" mit einer Vorgeschichte von 15 Jahren erinnert, auch wenn der Regierungschef gerade einmal nicht wegen der angestrebten Schlichtungsgespräche telefoniert. Selbst in Saudi-Arabien haben Deutschlandkenner von dem Streit um das Bahnprojekt gehört, wie etwa der Archäologieprofessor Said Al-Said von der King-Saud-Universität in Riad. "Das ist interessant", erläutert Al-Said seine Sicht auf den Protest diplomatisch.

Vor allem auf Unverständnis stößt der heftige Protest gegen einen neuen Bahnhof in dem autoritär regierten Land, wo bis 2014 unter anderem vier Großbahnhöfe gebaut und 12.000 Kilometer Schienen verlegt werden sollen. Demonstrationen sind in dem streng muslimisch geprägten Land zudem verpönt. Mit einem Lächeln quittiert der gut informierte saudische Transportminister Mappus' bewundernde Worte, wenn er die Realisierung von Bauprojekten in Baden-Württemberg mit der seines Gastgeberlandes vergleicht.

Über das saudische Fortschrittsdenken informiert sich Mappus indes direkt beim Königshaus, bei dem als Intellektuellen und Künstler bekannten Verwandten des Königs, Prinz Khaled Al Faisal. Der Prinz, der als Gouverneur von Mekka über die wichtigste heilige Stätte des Islam herrscht, empfängt Mappus in seiner palastgleichen Residenz in der Hafenstadt Dschidda.

"Wir schätzen das Know-how aus Europa und aus Deutschland", sagt der Prinz und lobt das deutsche Berufsbildungssystem, das sein Land gerade mit einigem Zeitdruck kopieren und aufbauen will. Denn etwa 50 Prozent der Bevölkerung des Ölstaats sind unter 15 Jahre alt, und diese müssen auf den kaum vorhandenen Dienstleistungssektor vorbereitet werden. "Menschen aufzubauen dauert länger als Gebäude", bemerkt der Prinz.

Saudi-Arabien und Katar wirke auf ihn schon ein klein wenig wie Tausend und eine Nacht, schildert Mappus seine Eindrücke. "Ich bewundere, wie sie es schaffen, mitten in der Wüste ein Land urbar zu machen und voranzubringen", sagt er. Die Länder seien in einem unheimlichen Tempo unterwegs und hätten dabei großes Interesse an einem Austausch mit Ländern wie Baden-Württemberg. "Und der lebt davon, dass wir beim Entwicklungstempo mithalten können, und da mache ich mir manchmal Sorgen auch unabhängig von 'Stuttgart 21'", resümiert Mappus. Große Chancen sieht er in der Region für das Land beim Thema erneuerbare Energien und Umwelttechnik, da man auch am Golf weitsichtig genug sei und an die Zeit nach dem Öl denke. "Da bin ich mir sicher, dass wir da ganz vorne sind", fügt er hinzu.

Mappus ist der erste baden-württembergische Ministerpräsident, der durch Saudi-Arabien und Katar reist. Mappus' 60-köpfige Delegation war erleichtert, dass er trotz des Streits um "Stuttgart 21" und den verwirrenden Äußerungen des Schlichters Heiner Geißler überhaupt noch gekommen war. Mappus war deshalb einen Tag später zu seiner Delegation gestoßen. "Ich hätte aber auch Verständnis gehabt, wenn er deshalb nicht hätte kommen können", sagt Stephan Engelsmann, Vizepräsident der Ingenieurskammer Baden-Württemberg. Nichtsdestotrotz sei es sehr wichtig für die Kontinuität der Beziehungen zu den Golfstaaten, dass auch der Ministerpräsident selbst präsent sei. "Hier schaut man schon sehr genau hin, wer kommt", ergänzt Andreas Hergenröther vom deutsch-saudiarabische Verbindungsbüro für Wirtschaftsangelegenheiten (GESALO). Baden-Württemberg nehme in seinen Bemühungen eine Vorreiterrolle ein. Nun sei aber notwendig, dass nachgearbeitet werde, um mit den neuen Kontakten zu Ergebnissen zu kommen.

Nach Gesprächen mit dem Wirtschaftsminister und Vertretern der katarischen Wirtschaft in Doha sollte die Delegation am Dienstagabend nach Deutschland zurückfliegen.

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