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Zu viele Kinder im Land leiden unter Vernachlässigung oder Misshandlung.
Zu viele Kinder im Land leiden unter Vernachlässigung oder Misshandlung. © dpa
28.08.2012

Landesärztekammer fordert Kinderschutzambulanzen im Südwesten

Die Landesärztekammer Baden-Württemberg pocht auch angesichts jüngster Fälle von Kindesmissbrauch auf die Einrichtung von deutlich mehr Kinderschutzambulanzen im Südwesten. «Wir wollen feste Anlaufstellen, die rund um die Uhr niederschwellig erreichbar sind», sagte der Vorsitzende des Ausschusses «Gewalt gegen Kinder», Christian Benninger. Ziel solcher Zentren sei es, Probleme in Familien - beispielsweise körperliche oder seelische Misshandlung - anzugehen, «und zwar möglichst bevor etwas passiert.» Angesiedelt werden sollten die Ambulanzen an den Kinderkliniken im Land, ein speziell geschultes Team solle dabei medizinische, pädagogische oder psychologische Hilfe vermitteln.

Beispielhaft dafür seien zwei Kinderschutzteams in Offenburg und am Olgahospital in Stuttgart. «Aber häufig sind das Modellprojekte, die nach einer gewissen Zeit drohen, auszulaufen», sagte Benninger. «Die Gefahr ist vorhanden, dass die ersten gemachten Erfahrungen dann wieder verschüttet werden.»

Wie viele Kinder im Land unter Vernachlässigung oder Misshandlung leiden, ist unklar: Nach Angaben des baden-württembergischen Sozialministeriums gibt es dazu keine verlässlichen Zahlen - weder für das Bundesgebiet noch für die einzelnen Bundesländer. Im vergangenen Jahr sei im Südwesten bei insgesamt 3346 Schutzmaßnahmen in 374 Fällen «Anzeichen für Misshandlung» und in 76 Fällen «Anzeichen für sexuellen Missbrauch» als Grund angegeben worden, sagte eine Sprecherin. «Diese Zahlen bilden jedoch nicht die Zahlen aller Misshandlungen und Missbrauchsfälle in Baden-Württemberg ab.»

Auch bei der Landesärztekammer geht man von einer relativ hohen Dunkelziffer aus. Die Ärztevertretung pocht daher seit 1994 darauf, einen damals gefassten Beschluss der Enquetekommission «Kinder in Baden-Württemberg» umzusetzen. Passiert sei vonseiten der Landesregierung bislang aber nichts, sagte Benninger. «Die Einrichtung einer solchen Ambulanz kostet Geld, damit sind Stellen verbunden.» Zudem werde immer wieder auf die bereits vorhandenen Hilfsangebote verwiesen. «Diese müssen aber vernetzt werden», sagte Benninger. «Es fehlt nicht an Anlaufstellen, sie sind aber örtlich ganz unterschiedlich organisiert. Was wir brauchen, ist eine feste und für jeden bekannte Stelle, an die man sich wenden kann.»

Sozialministerin Katrin Altpeter (SPD) wolle es auch weiterhin den regionalen Institutionen überlassen, wie sie ihre Arbeit im Einzelfall koordinieren, welche Stelle diese Zusammenarbeit anleite und in welchen Räumlichkeiten die Arbeit stattfinde, sagte dagegen die Sprecherin des Ministeriums. «Auch die Kinderkliniken spielen in diesem Netz eine wichtige, aber nicht von vornherein die führende Rolle.»