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mobbing © dpa
11.02.2014

Lehrerverband fordert mehr Zeit für Aufarbeitung von Mobbingfällen

Stuttgart. An den Schulen bleibt aus Sicht des Lehrerverbandes VBE zu wenig Zeit, um Mobbingfälle aufzuarbeiten. «Der Stundenplan ist so eng getaktet, dass das, was die Schüler belastet, leider oft unter den Tisch fällt», sagte der stellvertretende VBE-Landesvorsitzende Michael Gomolzig der Nachrichtenagentur dpa. «Dafür, wie sich die Schüler fühlen, bleibt kaum Zeit.» Häufig kämen nur Hänseleien ans Licht, bei schwerwiegenden Fällen vertrauten sich viele Schüler niemandem an. «Da stößt man ganz schnell auf eine Mauer des Schweigens, sowohl beim Opfer als auch beim Täter.»

Aus Gomolzigs Sicht fehlt auf den Stundenplänen im Südwesten eine feste Klassenlehrerstunde, in der auch Mobbingfälle ein Thema sein könnten. «Es müsste eine Stunde in der Woche sein, die genauso ihren Platz hat wie Deutsch und Mathe.» Solche Stunden könnten auch die Qualität des Unterrichts insgesamt verbessern, glaubt der VBE-Vize.

Meist werde zwar nicht im Unterricht gemobbt, sondern eher nachmittags und mit Vorliebe über das Internet. «Die Schüler machen sich da fertig, weil sie sich nicht gegenüberstehen», sagte er. Die Atmosphäre im Klassenraum könne das aber trotzdem vergiften: «Solange etwas unausgesprochen im Raum ist, leidet auch der Unterricht.»

Das Kultusministerium sieht keinen Bedarf für eine zusätzliche Klassenlehrerstunde. Prävention sei ein grundlegender Bestandteil des Erziehungs- und Bildungsauftrags der Lehrer, erklärte eine Ministeriumssprecherin. Schulen hätten die Möglichkeit, das Thema in ihrem Schulcurriculum zu verankern. «Für dessen Umsetzung steht ungefähr ein Drittel der Unterrichtszeit zur Verfügung. Eine zusätzliche Lehrerstunde ist daher nicht nötig.»

Die Förderung von verantwortungsbewusstem und sozialem Verhalten bekommt in den weiterentwickelten Bildungsplänen laut Ministerium wesentlich mehr Gewicht: Der Themenkomplex «Prävention» solle als durchgängiges und fächerübergreifendes Leitprinzip verankert werden.

Das Ministerium verweist vor allem auf das Präventionskonzept «Stark.Stärker.Wir», das Gewalt und Mobbing an Schulen vorbeugen soll. Im Schuljahr 2012/2013 habe dessen flächendeckende Einführung begonnen, rund 500 Schulen hätten ihr Interesse bekundet. «Das ist nichts, was man von heute auf morgen verordnen kann», sagte die Sprecherin. «Die Schulen sind frei, was die Ausgestaltung angeht. Man muss ihnen auch Zeit geben.» Verbandsvize Gomolzig kritisierte, Anti-Mobbing-Programme an Schulen seien zwar sinnvoll, blieben aber ein Tropfen auf den heißen Stein.

Wie der VBE wünscht sich auch die Lehrergewerkschaft GEW in Baden-Württemberg an den Schulen mehr Zeit, um über Mobbingfälle zu sprechen. Wichtig sei es aber auch, dass Lehrer zum Thema Mobbing weitergebildet würden, betonte ein Gewerkschaftssprecher. An jeder Schule müsste es aus seiner Sicht ein bis zwei Experten auf diesem Gebiet geben.