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Ein Schüler schreibt in Schwäbisch Gmünd beim Deutschunterricht für Asylbewerber auf die Tafel. Zur Vorbereitung auf ihren Einsatz als Helfer bei der Landesgartenschau bekommen Flüchtlinge in Schwäbisch Gmünd Deutschuntericht.
Ein Schüler schreibt in Schwäbisch Gmünd beim Deutschunterricht für Asylbewerber auf die Tafel. Zur Vorbereitung auf ihren Einsatz als Helfer bei der Landesgartenschau bekommen Flüchtlinge in Schwäbisch Gmünd Deutschuntericht. © dpa
16.05.2014

Lieber helfen als langweilen: Asylbewerber packen mit an

Asylbewerber sind nach ihrer Ankunft in Deutschland erst einmal zum Nichtstun verdammt. Denn arbeiten dürfen sie nicht. In Schwäbisch Gmünd helfen viele deshalb bei der Landesgartenschau mit. Für die Stadt ist das ein sinnvolles Integrationsprojekt.

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Früher haben sie oft den ganzen Tag mit den anderen Asylbewerbern vor dem Fernseher gesessen. Sie seien durch Schwäbisch Gmünd gestromert und hätten mit ihrer Zeit nichts anzufangen gewusst, erzählen sie. Denn arbeiten dürfen die Flüchtlinge nicht. Das Asylverfahrensgesetz will es so - zumindest während der ersten neun Monate ihres Aufenthaltes. Doch statt sich zu langweilen, helfen sie nun bei der Landesgartenschau. Ihre Tätigkeiten: Blumen gießen, Eintrittskarten kontrollieren oder Tiere füttern. Freiwillig und ohne Bezahlung. Für das Projekt gibt es viel Lob - aber der Einsatz der Asylbewerber stößt auch auf Kritik.

Hier geht es >>> direkt zum Kommentar "Sozialer Sprengstoff - Asylpolitik hinkt Realität hinterher" <<< von Thomas Satinsky

 

Der Einsatz der Asylbewerber ist in ein ganzes Integrationskonzept eingebunden. «Wer die Deutschstunden nicht besucht, kann auch nicht helfen», sagt Gerburg Maria Müller. Die Ansage kommt an bei den Asylsuchenden. Der Deutschkurs in der Volkshochschule ist fast voll. Zusammen konjugieren Flüchtlinge aus Nigeria, Gambia, dem Iran und Irak Verben und lernen Vokabeln. Vier Stunden pro Tag, fünf Tage pro Woche. Müller leitet das Projekt «Die Welt lebt in Gmünd». Es soll Flüchtlingen die Gelegenheit geben, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Die Landesgartenschau bietet ihnen dafür eine Chance.

Wenn man Mirza Muneeh fragt, wieso er nach Deutschland geflüchtet ist, muss er schlucken. Der junge Pakistani schaut verlegen auf den Boden. «Die Taliban hatten mich gekidnappt», sagt er auf Englisch. Muneeh will nicht über das Schicksal in Pakistan reden. Viel lieber erzählt er von Schwäbisch Gmünd und der Gartenschau. Einen traditionellen Tanz aus der Heimat habe er während der Blumenschau schon aufgeführt. Die vielen Pflanzen auf dem Ausstellungsgelände gefallen ihm, schwärmt er. Und seine Helferausrüstung. Ein weißes T-Shirt, eine grüne Regenjacke und ein Basecap hat Muneeh bekommen.

In der 60.000-Einwohner-Stadt im Ostalbkreis gehört der junge Pakistani zu fast 1300 Freiwilligen, die bei der Blumenschau mit anpacken. 65 davon sind Asylbewerber. «Das ist viel besser als das langweilige Leben im Asylbewerberheim», freut sich Muneeh. Amare Mahamud, der vor dem Bürgerkrieg in seiner Heimat Somalia geflohen ist, sieht das genauso. Jetzt hilft er auf einem Schaubauernhof, Ziegen zu pflegen. «Macht sehr viel Spaß.»

Eingeladen zu helfen hat die Asylsuchenden der Oberbürgermeister Richard Arnold (CDU). «Bei so einer großen Veranstaltung, bei der auch die Bürger mit im Boot sind, war von Anfang an klar, dass die Flüchtlinge mit dabei sind», sagt Arnold. «Sie gehören zu unserer Stadtgemeinschaft.»

Im vergangenen Sommer hat Arnold schon einmal eine außergewöhnliche Idee mit den Flüchtlingen der Stadt gehabt, die Schwäbisch Gmünd bundesweit in die Medien gebracht hat. Weil der Bahnhof für die Gartenschau umgebaut wurde, musste eine provisorische Überführung über die Gleise gebaut werden. «Die war entsetzlich hoch», erinnert sich Arnold. Viele hätten Schwierigkeiten gehabt, drüber zu kommen. Der Bürgermeister fuhr kurzerhand ins Flüchtlingsheim und erzählte davon. «Einige waren sofort begeistert. Sie wollten mir von sich aus helfen», sagt Arnold. Zwei Tage dauerte die Aktion, bei der die Asylbewerber die Koffer der Reisenden über die Brücke schleppten. Dann empörte sich das politische Berlin.

Schnell war von Ausbeutung, Sklavenarbeit und Hungerlöhnen die Rede. «Nach dem Asylbewerberleistungsgesetz stehen den Flüchtlingen aber nur 1,05 Euro pro Stunde zu», erklärt Arnold. Die harschen Worte aus der Hauptstadt versteht er bis heute nicht.

Tadel für die Idee, Flüchtlinge mithelfen zu lassen, gibt es auch jetzt wieder. Lob kommt hingegen aus dem Integrationsministerium. «Ich bin Landrat Klaus Pavel im Ostalbkreis und Oberbürgermeister Arnold sehr dankbar, dass sie sich nicht durch unsachliche Kritik von ihrem Kurs abbringen lassen», sagt Ministerin Bilkay Öney (SPD).

Doch auch unter den Asylbewerbern lassen sich nicht alle auf die Ideen des Rathauschefs ein. Manche wollen nicht helfen, andere ärgern sich über eine Überwachungskamera im Asylbewerberheim und sind auf Stadt und Kreis schlecht zu sprechen. Doch die meisten Flüchtlinge sehen das anders. «Wir wollen helfen, den Gmündern etwas zurückzugeben», sagt Afram. «Uns macht das doch Spaß.»