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© Symbolbild dpa
27.07.2018

Massenhaft falsche Atteste für Prüfung? - Ermittlungen gegen Arzt

Stuttgart. Die ungewöhnlich hohe Zahl von Prüfungsabbrechern an der Uni-Hohenheim hat ein juristisches Nachspiel. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart ermittelt wegen gleichlautenden Attesten nun gegen einen Arzt.

Wie die Anklagebehörde am Freitag mitteilte, wird der Mediziner verdächtigt, falsche Atteste ausgestellt zu haben. Derzeit gehen die Ermittler von bis zu 145 möglichen Fällen aus. Bei der Durchsuchung der Praxisräume des Mediziners beschlagnahmten sie umfangreiche Unterlagen und Dateien, die nun ausgewertet werden.

Es geht um eine Prüfung in Betriebswirtschaftslehre am 23. Mai dieses Jahres. 75 von 244 Teilnehmern brachen die Prüfung ab - wegen spontaner Erkrankung. 43 von ihnen reichten Atteste vom selben Arzt ein. Auffällig war für die Uni nicht nur das, sondern auch, dass alle an Ähnlichem litten: Kopfschmerzen mit Sehstörung oder Übelkeit mit Erbrechen. Beide Diagnosen hatten bei der Symptombeschreibung laut Uni «keine große Detailtiefe».

Ärzte-Kollegen finden das befremdlich. Nicht wenige fürchten unter der Hand um ihren guten Ruf und dringen auf Aufklärung. Ob und inwiefern die Landesärztekammer in dem Fall tätig wurde, ist nicht bekannt. Derartige Untersuchungen laufen unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Ein Sprecher der Kammer äußerte sich zurückhaltend. Zu den Hohenheimer Attesten meinte er: «Es ist vielleicht ungewöhnlich, aber unmöglich ist es nicht.» Der betroffene Mediziner selbst machte bei der Staatsanwaltschaft zunächst keine Angaben und auch in den Medien nicht.

Dass Studenten sich massenweise von einer Prüfung abmelden, ist auch für die Uni Hohenheim ein Novum. «Wir haben jährlich 150 000 Prüfungen bei 10 000 Studierenden. So was haben wir noch nie gehabt», sagt eine Sprecherin. An der Klausur habe es nicht gelegen. Sie sei nicht schwieriger als sonst gewesen. Gab es eine Sogwirkung auf andere, als die ersten Studenten die Prüfung abbrachen, wie manche vermuten? «Eine exakte Erklärung haben wir nicht», sagt die Uni-Sprecherin. Sie geht von einem Einzelfall aus. «Ein allgemeiner Trend ist es sicher nicht.»

Nach den für die Uni zweifelhaften Attesten am 23. Mai überprüfte sie auch andere, schon bewilligte Krankmeldungen. 105 weitere Atteste mit Eingangsdatum zwischen 23. bis 25. Mai 2018 wurden daraufhin angezweifelt. Die Studenten mussten Stellungnahmen abgeben. Das Verfahren ist laut Uni noch nicht abgeschlossen.

Nach der Prüfungsordnung haben alle Studenten bis zu drei Versuche pro Prüfung. Da ein Teilnehmer mit falschem Attest «durchgefallen» ist, könnte das bei einigen das Ende des Studiums bedeuten. Prüflinge, die durch Abbrecher gestört wurden, können die Prüfung werten lassen oder nachschreiben.

Der Uni zufolge war die Störung durchaus erheblich: Da jeder Abbruch mit Namen und Uhrzeit dokumentiert wurde, hätten sich vor der Prüfungsaufsicht Schlangen gebildet. Auch hätten einige «recht lautstark» zusammengepackt und den Saal verlassen.