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Menschen mit Essstörungen sollen an einer neu gegründeten Einrichtung in Tübingen erstmals während des gesamten Krankheitsverlaufs betreut werden.
Neue Wege gegen Essstörungen © dpa
28.09.2014

Mediziner in Tübingen gehen beim Kampf gegen Essstörungen neue Wege

Menschen mit Essstörungen sollen an einer neu gegründeten Einrichtung in Tübingen erstmals während des gesamten Krankheitsverlaufs betreut werden. «Diese Erkrankungen fangen häufig in der Pubertät an, reichen dann aber weit ins Erwachsenenalter hinein», sagte der ärztliche Direktor des überregionalen Kompetenzzentrums (Komet) an der Uniklinik Tübingen, Stephan Zipfel, der Nachrichtenagentur dpa. Bislang gebe es keine vergleichbare Einrichtung weltweit, die die Behandlung nicht auf ein bestimmtes Alter beschränke, sondern den ganzen Verlauf der Krankheit berücksichtige.

«Essstörungen haben die höchste Sterblichkeit von allen psychischen Krankheiten», sagte Zipfel. Zu einer Essstörung zähle Magersucht, Bulimie und die neue sogenannte «Binge-Eating-Störung», bei der ein Patient viel esse, sich im Gegensatz zu der Bulimie aber danach nicht erbreche. Laut einer Studie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zeigt ein Fünftel aller Kinder und Jugendliche im Alter von 11 Jahren bis 17 Jahren in Deutschland Symptome einer Essstörung.

Nach Angaben des Landesverbandes der Betriebskrankenkassen wurden im vergangenen Jahr im Südwesten 15 200 Menschen zwischen 11 Jahren und 25 Jahren wegen Essstörungen behandelt. Das entspricht fast fünf Prozent der Altersgruppe. Auffällig ist dabei, dass immer mehr Jungen davon betroffen sind. So wurden unter den 11- bis 14-Jährigen mehr Jungen (2061) als Mädchen (1886) wegen der Erkrankungen therapiert.

Bei Jungen in diesem Alter ist insbesondere Adipositas verbreitet. Ältere sind laut Verband vor allem von Essanfällen betroffen - nach Schätzungen sogar in jedem dritten Fall. Das Verhältnis kehrt sich allerdings in der Gruppe der 15- bis 19-Jährigen um. Dort sind sechs Prozent der Mädchen und knapp vier Prozent der Jungen im Südwesten wegen Essstörungen in Behandlung.

Das Tübinger Zentrum soll den Angaben zufolge sowohl die Krankenversorgung, als auch die Lehre und Forschung im Bereich der Essstörungen verbessern. Prävention und Frühbehandlung seien dabei wichtig, sagte Zipfel. «Wir wissen, je früher wir intervenieren können, desto besser sind die Chancen für die Betroffenen.»

Beispielsweise sei ein Videospiel entwickelt worden, das Kindern und Jugendlichen spielerisch und mit Bewegung nahebringe, wie Stress bewältigt werden könne - und zwar nicht durch Essen oder den Verzicht darauf. Videokonferenzen mit Patienten, die das Zentrum verlassen haben, sollen zudem Rückfälle vermeiden.