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Mehrere Hundert Befürworter des Bahnprojekts Stuttgart 21 versammelten sich in der baden-württembergischen Landeshauptstadt zu einer Demonstration. Parallel dazu trafen sich die Gegner – und da sprechen die Demo-Veranstalter von 50.000 Menschen. © dpa
23.10.2010

Mehr Gegner als Befürworter bei Stuttgart-21-Doppeldemo

STUTTGART. Zehntausende Menschen sind am Samstag erstmals zeitgleich gegen und für das Milliardenprojekt Stuttgart 21 auf die Straße gegangen. Die Gegner forderten erneut einen Komplettstopp für dessen Tieferlegung und den Rücktritt von Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU). Die Polizei sprach von rund 16.000 Teilnehmern. Das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 zählte 50.000.

Bildergalerie: Konflikt um Stuttgart 21 eskaliert

Zur gleichen Zeit skandierten nach Polizeiangaben rund 7000 Befürworter am Schlossgarten lautstark «Weiterbauen!». Ex- Projektsprecher Wolfgang Drexler (SPD) schätzte ihre Zahl auf 10.000. Zuvor waren einige hundert von ihnen durch den Schlossgarten gejoggt. Neben dem ehemaligen Ministerpräsidenten Erwin Teufel (CDU) warb auch Bahnchef Rüdiger Grube unter starkem Beifall für die Umwandlung des Hauptbahnhofs in einen unterirdischen Durchgangsbahnhof.

Die Gegner sprachen sich an der Nordseite des Bahnhofs vehement gegen Stuttgart 21 aus. Immer wieder brandete Kritik an der Landesregierung auf: «Mappus weg» oder «Lügenpack» skandierte die Menschenmenge. Derweil knackten Parkschützer nach eigenen Angaben eine Unterschriftenhürde: Sie wollen mehr als 10.000 Stimmen für einen Antrag zur vorzeitigen Auflösung des Landtags einreichen.

Auf der Befürworterseite wiederholte Grube seinen Willen zum Durchziehen von Stuttgart 21: «Die Deutsche Bahn kann, darf und will keinen Stopp», sagte Grube mit Blick auf das weiße S21-Fahnenmeer der Befürworter. Das Projekt sei in vielfacher Hinsicht gut für die Stadt, schaffe Arbeitsplätze und erhöhe die Kaufkraft. Zudem gebe es Verträge. Wenn diese nicht eingehalten würden, «habe ich tausende Rechtsstreitfällen - und die will ich genau nicht».

Baden-Württembergs Ministerpräsident Mappus zieht aus dem Konflikt um Stuttgart 21 die Konsequenz, dass Großprojekte schneller geplant werden müssen. «Was ich daraus lerne, ist, dass man die Menschen immer mitnehmen muss und dass es schneller gehen muss. Denn über 30 Jahre hinweg können sie einen solchen Prozess nicht fahren», sagte Mappus am Samstag bei der Hauptversammlung des Städtetags Baden- Württemberg in Ulm. Die Planung für den Tiefbahnhof in Stuttgart und die Anbindung an die Schnellbahnstrecke nach Ulm hatte ungefähr so lange gedauert.

Der Regierungschef zeigte sich überzeugt, dass es mit Hilfe der Schlichtung unter Leitung von Ex-CDU-Generalsekretär Heiner Geißler gelingen werde, die Menschen in ihrer Mehrheit von dem Bahnprojekt zu überzeugen. «Ich bin sicher, dass wir das auf die richtige Schiene bekommen.» Mappus äußerte sich positiv zur ersten Schlichtungsrunde. «Ich fand es sehr, sehr gut», sagte er der Nachrichtenagentur dpa. Sinn und Zweck des Treffens sei gewesen, die Fakten auf den Tisch zu bringen, damit sich die Bürger umfassend informieren können. «Das ist gelungen.» Er räumte ein, dass es besser gewesen wäre, die Menschen schon früher stärker einzubinden.

Vermittler Heiner Geißler hatte nach der ersten Schlichtungsrunde am Freitag ebenfalls ein positives Fazit gezogen und gesagt, er hoffe auf eine «Klärung» des Konflikts am Ende der Schlichtung. «Ich habe festgestellt, dass wir weitermachen können», sagte der 80-Jährige am Freitagabend im ZDF-«heute journal». Zuvor hatten erstmals Vertreter der Landesregierung und der Bahn auf der einen sowie Gegner des Milliarden-Projekts auf der anderen Seite rund sechseinhalb Stunden an einem Tisch gesessen, was live auf eine Leinwand, im Fernsehen und im Internet übertragen wurde. Geißler sieht dies auch als «Demokratieexperiment».

Mappus kritisierte am Samstag erneut die Haltung der SPD und lobte Städtetagspräsident Ivo Gönner (SPD) dafür, dass er nicht der Versuchung erlegen sei, sich wie seine Parteiführung «halbwegs aus dem Staub zu machen». Er fügte hinzu: «Sie kämpfen, auch wenn der Wind mal etwas von vorne kommt.» Die SPD hatte jahrelang das Projekt unterstützt, spricht sich aber jetzt für einen Baustopp und einen Volksentscheid aus. dpa

ritisierte am Samstag erneut die Haltung der SPD und lobte Städtetagspräsident Ivo Gönner (SPD) dafür, dass er nicht der Versuchung erlegen sei, sich wie seine Parteiführung «halbwegs aus dem Staub zu machen». Er fügte hinzu: «Sie kämpfen, auch wenn der Wind mal etwas von vorne kommt.» Die SPD hatte jahrelang das Projekt unterstützt, spricht sich aber jetzt für einen Baustopp und einen Volksentscheid aus. dpa

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