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Die Diskussion um die Legalisierung von Cannabis ist alt - doch durch die Pläne der Bundesregierung, den Verkauf des Stoffes auf Rezept zu ermöglichen, neu entflammt. Womöglich führt sie dazu, dass Gefahren des Konsums leichter heruntergespielt werden können.
Die Diskussion um die Legalisierung von Cannabis ist alt - doch durch die Pläne der Bundesregierung, den Verkauf des Stoffes auf Rezept zu ermöglichen, neu entflammt. Womöglich führt sie dazu, dass Gefahren des Konsums leichter heruntergespielt werden können. © dpa
27.09.2016

Mehr Rauschgiftdelikte an Schulen - Gesundheitsminister warnt

Stuttgart (dpa/lsw) - Immer mehr Schüler im Südwesten werden bei Rauschgiftdelikten erwischt. Die Drogenkriminalität an baden-württembergischen Schulen hat sich innerhalb von fünf Jahren mehr als verdoppelt, wie die «Stuttgarter Nachrichten» und die «Stuttgarter Zeitung» am Dienstag berichteten. Ausschlaggebend ist dafür der Besitz oder Erwerb von Cannabisprodukten. Das Gesundheitsministerium warnte, Cannabis sei keine harmlose Substanz. «Sie kann zu schweren gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen – ebenso wie Alkohol und Tabak», sagte eine Sprecherin von Ressortchef Manne Lucha (Grüne). Deshalb müsse man konsequent und frühzeitig auf Prävention setzen.

Die Polizeiliche Kriminalstatistik weist für 2011 noch 330 Drogendelikte auf Schulhöfen aus - 2015 waren es trotz eines flächendeckenden Suchtpräventionsprogramms insgesamt 880 Fälle. Der Zuwachs bei den Jungkonsumenten um mehr als 250 Prozent sei auf verstärkte Kontrollen an Treffpunkten junger Leute wie Schularealen zurückzuführen, hieß es beim Innenministerium. Die Substanzen seien im Internet leicht zu bestellen. Hinzu komme eine höhere Akzeptanz von Betäubungsmitteln wegen der Diskussion über die Legalisierung von Hasch und das Verharmlosen seiner schädlichen Wirkung.

Anders als das von den Grünen geführte Gesundheitsministerium interpretiert die Grüne Jugend die Zahlen: Diese zeigten, dass die strenge Drogenpolitik in Baden-Württemberg gescheitert sei. «Verbote und Repressionen helfen also offensichtlich nicht, den Konsum unter Minderjährigen zu verhindern», sagte die Sprecherin der Grünen Jugendorganisation Lena Schwelling. Nur eine Legalisierung von Cannabis ermögliche es, junge Leute wirksam zu schützen, Erwachsenen einen mengenmäßig begrenzten Zugang zu Cannabisprodukten zu gewähren und die Reinheit der Droge sicherzustellen.

Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) betonte, Suchtprävention müsse ernst genommen werden. Sie habe schon seit vielen Jahren einen festen Platz in der Schule. Es sei richtig, diese Präventionsarbeit weiter flächendeckend und für jede weiterführende Schule anzubieten.

Die Stuttgarter Präventionsstelle Release U 21 vermutet, dass sich das Anzeigeverhalten verändert habe und die Diskussion über den medizinischen Einsatz von Cannabis junge Menschen sorgloser mit dem Stoff umgehen lasse. «Das nehmen sie als Argument für die vermeintliche Harmlosigkeit von Cannabis», sagte Bernd Klenk, Sozialarbeiter bei Release. Allerdings sei das Kiffen bei Jugendlichen besonders gefährlich. «Es führt zu Entwicklungsverzögerung, beeinträchtigt Konzentrationsfähigkeit, Denkvermögen und das Sprachzentrum - alles Sachen, die ich in der Schule brauche.» Haschkonsum könne bei entsprechender Anlage Psychosen auslösen.

Sozialarbeiter Klenk warnte auch vor den strafrechtlichen Folgen des Cannabisbesitzes. Es liege im Ermessen des Staatsanwaltes, wann er ein Strafverfahren einstellt. Allerdings gebe es dafür in jedem Bundesland unterschiedliche Schwellen. In Baden-Württemberg könne die Justiz beim Besitz von bis zu sechs Gramm Cannabis von einem Strafverfahren absehen. «Der Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz landet aber in jedem Fall im polizeilichen Führungszeugnis genauso wie Ladendiebstahl.» In Baden-Württemberg werde das Delikt auch der Führerscheinstelle gemeldet. «Das bedeutet, dass der junge Mensch womöglich nicht mehr so einfach einen Führerschein machen kann oder der Besitz überprüft wird.»

Der Einstieg in den Drogenkonsum geschehe in der Regel aber über den Alkohol. «Das ist die Leitsubstanz, zumal sie gesellschaftlich stärker akzeptiert ist als Cannabis», erläuterte Klenk. Die Schulen müssten eine Balance im Umgang mit solchen Delikten finden. «Alles verstehen ist genauso falsch wie Repression. Es gilt dem Einzelnen zu helfen und die anderen zu schützen.»