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22.06.2015

Mindestlohn bedrückt Obstbauern - Gewerkschaft hat wenig Mitleid

Karlsruhe (dpa/lsw) - Seit 2015 müssen Erdbeer- und Spargelbauern ihren Saisonarbeitern einen Mindestlohn zahlen - und tragen nach ihren Worten zum Teil schwer daran. «Die Situation ist sehr kritisch, viele Existenzen sind bedroht», sagt der Präsident des Landesverbands für Erwerbsobstanbau (LVEO), Franz Josef Müller. Wegen der Konkurrenz aus Spanien und Italien und Druck aus dem Einzelhandel hätten die Erzeuger für ein Kilo Erdbeeren etwa 1,80 Euro und damit rund 20 Cent weniger als noch im vergangenen Jahr bekommen. «Gleichzeitig sind aber die Lohnkosten um zehn bis 20 Prozent gestiegen», betont Müller. Die Gewerkschaft IG Bauen-Agrar-Umwelt hat wenig Mitleid.

«Humbug und Taktik», nennt der Branchensekretär der Gewerkschaft, Gunther Häberlen, die Klagen der Landwirte. Ihre Probleme seien auch hausgemacht; der Mindestlohn schlage bei den Preisentwicklungen nur marginal zu Buche. Er verweist auf andere Länder wie Frankreich, wo der Mindestlohn seit langem verankert und die Kontrollen ungleich schärfer seien. «Wenn die Bauern hierzulande darüber jammern, dann heißt das nichts anderes, als dass es bislang Ausbeutung gab.»

Derzeit muss den Erntehelfern ein Stundenlohn von 7,40 Euro gezahlt werden, kommendes Jahr sind es bereits 8 Euro, bis im Jahr 2017 dann der von der Bundesregierung verordnete Mindestlohn von 9,10 Euro erreicht ist. Im Jahr davor waren es zwischen 6,40 und 7,00 Euro pro Stunde für die rund 330 000 Saisonarbeiter, die in Deutschland alljährlich bei der Ernte helfen.

Während im Südwesten die Erdbeeren vom Preisverfall besonders betroffen sind, kommt der Spargel besser weg: «Unsere Erzeugerpreise liegen einen Tick über denen des vergangenen Jahres», sagt der Geschäftsführer des Verbandes Süddeutscher Spargel und Erdbeeranbauer (VSSE), Simon Schumacher. Zwar werde die Spargelernte insgesamt etwas geringer ausgefallen als im Rekord-Ertragsjahr 2014 (2014: 11 300 Tonnen). «Dafür ist die Qualität sehr gut.» Kalendarisch endet die Spargelsaison am 24. Juni.

Gründe für die besseren Spargelpreise seien auch, dass dort mindestens die Hälfte direkt vermarktet wird und damit der Preisdruck aus dem Einzelhandel eine kleinere Rolle spielt. Bei den Erdbeeren (2014: 31 300 Tonnen) gehen rund 80 Prozent in den Einzelhandel, erklärt Müller. «Und der hält seine Gewinnspanne zu unseren Lasten hoch.»

Der Mindestlohn mache aber auch den Spargelbauern zu schaffen. «Es ist viel schwerer für die Betriebe geworden, kostendeckend zu arbeiten.» Hinzu komme, dass man die Saisonarbeiter wegen der gestiegenen Stundenlöhne nun explizit nach Leistung bewerten müsse. «Wenn er die 7,40 Euro, die er kostet, nicht erwirtschaftet, wird es schwer», sagt Schumacher. «Jetzt wird halt nach jedem Leistungskilo geschaut, und so manchen unserer langjährigen Saisonarbeiter können wir dann nicht weiter beschäftigen», bedauert Otmar Böser vom Erdbeer- und Spargelhof Böser in Forst (Kreis Karlsruhe). Er heuert jedes Jahr rund 160 Helfer vor allem aus Polen und Kroatien an. Bundesweit kommen mit rund 60 Prozent die meisten Saisonarbeiter aus Rumänien.

Die Branche reagiere auf die Lohnentwicklung damit, ihre Flächen intensiver zu bewirtschaften oder zu verkleinern. «Ein Erdbeerfeld können Sie einfach umpflügen und dann anders nutzen», sagt Schumacher. Höchste Zeit, kommentiert dies Gewerkschafter Häberlen: Viele Obstbauern vor allem in Norddeutschland hätten ihre Flächen massiv ausgebaut in den vergangenen Jahren; der Preisdruck sei mithin auch hausgemacht. «Die Branche muss sich halt gesundschrumpfen.»