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Für Grün-Rot war die Diskussion um das neue Jagdgesetz alles andere als eine Schonzeit. Jäger und Naturschützer ballerten, was das Zeug hält. Nun soll ein Kompromiss für Waffenruhe sorgen.
Minister Bonde stellt Kompromiss-Entwurf zum Jagdgesetz vor © dpa
30.09.2014

Minister Bonde will wilde Jagddebatte mit Kompromiss beenden

Stuttgart. Forstminister Alexander Bonde (Grüne) will mit seinem neuen Jagdgesetz Naturschützer und Jäger versöhnen. Doch kaum hatte die grün-rote Regierung am Dienstag den überarbeiteten Gesetzentwurf auf den Weg gebracht, meldeten beide Lager Korrekturbedarf an. «Ich wünsche mir nun Abrüstung auf allen Seiten», sagte Bonde in Stuttgart.

Das Gesetz bringe Natur- und Tierschutz voran und ermögliche zugleich eine moderne Jagd. Zudem sei nach Jahrzehnten eine Anpassung an gesellschaftliche Anforderungen und an die Aufnahme von Natur- und Tierschutz als Ziele im Grundgesetz geboten.

Der Gegensatz von Natur- und Tierschutz einerseits und Jagd andererseits müsse beseitigt werden, sagte Bonde. So sei etwa das Überleben des seltenen Auerhahns vor allem den Jägern zu verdanken.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) sprach von einem für alle tragfähigen «klassischen Kompromiss», der aber nicht die Vorstellungen aller zu zu 100 Prozent umsetze und deshalb «keinen so richtig glücklich macht». Umweltschützer und Jäger hätten aus «unterschiedlicher Leidenschaft heraus» die gleiche Verantwortung für die Natur. Er lobte seinen Parteifreund Bonde für das «harte Stück Arbeit»: «Da hat er schon eine dicke Weste anhaben müssen gegen die Pfeile, die ihn da aus verschiedenen Richtungen getroffen haben.»

Der Naturschutzbund Deutschland und der BUND begrüßten den Entwurf als «Schritt nach vorne», kritisierten aber eine nur zweimonatige Wildruhe im März und April als bedauerliches Zugeständnis an die Jäger. Das neue Abschussverbot für streunende Hunde und Katzen sei hingegen sinnvoll. Denn Jäger gäben bei Abschüssen streng geschützter Wildkatzen immer wieder an, diese mit streunenden Hauskatzen und wildernden Hunden verwechselt zu haben. «Es kann nicht sein, dass sich der BUND für die seltenen Wildkatzen einsetzt und Jäger sie ungestraft über den Haufen schießen», sagte Verbandschefin Brigitte Dahlbender.

In den erweiterten Tierschutz fällt auch das Verbot von Totschlagfallen, weil Tiere in ihnen stundenlange Qualen erleiden können. Ferner darf von 2016 an ausschließlich mit bleifreier Munition geschossen werden, damit das giftige Schwermetall Böden und Wildbret nicht verunreinigt. Dadurch werde auch der Ruf von Wildfleisch als hochwertigem Lebensmittel gestärkt, erklärte Bonde. In der Jagdsaison 2012/13 sind nach Angaben des Landesjagdverbandes allein mehr als 70 000 Wildschweine geschossen worden.

Der Verband kritisierte in einer ersten Reaktion die Einschränkungen für die Jagd auf Schwarzwild, das sich rasant vermehre und erhebliche Schäden in der Landwirtschaft anrichte. Insgesamt seien die Regelungen mitunter wenig praxistauglich, regelten nichtige Probleme und förderten mit überflüssigen Verboten die Bürokratie, sagte Landesjägermeister Jörg Friedmann. Besonders gravierend sei die Möglichkeit, dass das Land Wildarten aus dem Jagdrecht am Landtag vorbei herausnehmen und damit die Bejagung jener Tiere stoppen könne.

Auch das strenge Fütterungsverbot, das nur mit ministerieller Zustimmung und Vorlage überregionaler Fütterungskonzepte durchbrochen werden kann, ist den Grünröcken ein Dorn im Augen. Die Hürden für Ausnahmen seien viel zu hoch, monierte Friedmann. Am Nachmittag wollten die Jäger bei einer außerordentlichen Delegiertenversammlung des Verbandes in Denkendorf (Kreis Esslingen) beschließen, ob sie dem Gesetzentwurf zustimmen können. Im Verband sind 30 000 Jäger organisiert. Die Naturschützer begrüßten hingegen die neue Fütterungregel: Wild müsse wild leben.

Die CDU und FDP im Landtag mahnten Änderungen der Novelle an. FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke kritisierte «Verschlimmbesserungen» für Jäger und von Wildschäden betroffene Landwirte. Ein Beispiel sei die «vollkommen absurde Annahme», man könne bei der Wildschweinjagd während der Schonzeit im Wald einen Maximalabstand von exakt 200 Metern zum Waldrand einhalten.

Hintergrund ist die Regelung, dass künftig zwischen Anfang März und Ende April eine allgemeine Jagdruhe gilt, in der allerdings Frischlinge und junge Wildschweine auf Feldern und bis zu 200 Meter in den Wald hinein geschossen werden dürfen. Bislang durften die Jungtiere im März und April überall gejagt werden. Kretschmann verteidigte diese Regelung, die nicht dazu führe, dass man künftig «mit dem Maßband» zum Jagen gehen müsse. Mehr als 90 Prozent der Hochsitze lägen ohnehin nicht weiter als 200 Meter vom Waldrand entfernt.