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Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann nimmt am Fastnachtsdienstag in Riedlingen am traditionellen Froschkuttel-Essen teil.
21.02.2012

Ministerpräsident Kretschmann und die Kutteln

Riedlingen. Die Frauen bleiben draußen, seit über 180 Jahren. Umso derber geht es am Fasnetsdienstag drinnen zu, im Rathaus der Kleinstadt Riedlingen (Kreis Biberach). Mehr als 300 Männer grölen und schunkeln. «Gole» lautet ihr Schlachtruf, und zwischen den Narren sitzt kein geringerer als Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne). «Hier bleiben die "Weiber" halt vor der Tür. Die veranstalten ihre eigene Fastnacht, das ist der richtige Weg, sagt er bester Laune. «Das nennt man Differenzfeminismus.»

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Narrenzunftmeister Thomas Maichel verpasst Kretschmann allerdings zunächst eine neue Kappe, die hier jeder braucht - der Regierungschef hat aber ein schwarzes Modell gewählt. «Die geht ja gar nicht», findet Maichel. Eher eine in den Vereinsfarben mit viel grün-rot.

Eine Stunde früher, gegen 8.00 Uhr, ist der Männerclub am Rathaus gleich mit einer Zigarre gestartet, so will es die Tradition. Dann geht es in einem langen Zug Mann hinter Mann durch die Altstadt. Dort warten einige Frauen und kommentieren: «Du hast an Schoppen z'viel» - ein nicht ernst gemeinter Hinweis darauf, dass die Männer gerne das eine oder andere Viertele Wein trinken.

Kretschmann prostet beim anschließenden Froschkuttelnessen unter anderem Landes-Sparkassenverbandspräsident Peter Schneider und dem früheren Generalinspekteur der Bundeswehr, Wolfgang Schneiderhan, zu. Beide sind gebürtige Riedlinger, Kretschmann besuchte hier ein Internat. «Ich bin seit weit mehr als 30 Jahren dabei», sagt er. «Das ist hier wirklich schwäbisch-alemannische Fasnet, tief verwurzelt.»

Dann folgt der Höhepunkt der Riedlinger Fastnacht: Bei dem Ruf «Rei, Kuttle, rei» gehen die Suppenteller endlich rum. Was da serviert wird, sind aber keine Froschinnereien, sondern eine Mischung aus Rinder-Pansen, -herz, -leber und -nieren - die keineswegs stinkt.

«Köschtlich» finden das Gole-Mitglieder wie Richard Hierlinger, der sagt: «Die Tradition bekommt man hier in die Wiege gelegt.» Seinen Ursprung hatte der Name Froschkutteln wohl darin, dass sich Riedlingen an der Donau als Storchenstadt versteht - und die Leibspeise der Störche sind bekanntlich Frösche. Zudem tagte der Männerclub einst in der Gaststätte «Storchen».

Die Treue Kretschmanns zu ihrer Zunft wissen die Narren zu schätzen - geht es auch noch so politisch unkorrekt in einigen Reden zu: «Selbst als der Schuh flog auf ihn zu, bewahrt der Kretsch' die inn're Ruh», meint einer in Anspielung auf die «Attacke» eines Stuttgart-21-Gegners, der ein Leinen-Schläppchen in Richtung des Regierungschefs warf. Oder hat der Oberschwabe etwa für die vielen Lobreden nachgeholfen? «Er hat bei mir den Wulff gemacht. Um des richtig einzustufen - ja, er hat mich angerufen», krakeelt ein Narr.

Nach weiteren Endreim-Ansprachen warten draußen bereits die Frauen und Schaulustigen. Das Rathaus ist verschlossen, die Narren müssen es über eine Holzrutsche aus dem ersten Stock verlassen - da stellt sich auch Kretschmann brav an, auch wenn seine Personenschützer das Fastnachtstreiben ziemlich ernst betrachten.

Lustiger finden das Zuschauerinnen neben der Rutsche. «Das muss man den Männern hier bei der Fastnacht einfach zugestehen», meint eine. Dann geht es zum Witze-Erzählen ins Gasthaus «Zum Kreuz». Die Frauen bilden zwar ein Spalier vor der Tür - doch müssen sie auch hier, beim Witze-Erzählen, draußenbleiben. dpa