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04.10.2015

Misshandelt und traumatisiert - Bundesländer nehmen IS-Opfer auf

Stuttgart (dpa) - Sie waren monatelang in der Gewalt von IS-Kämpfern in Syrien und im Irak, wurden vergewaltigt und misshandelt. Viele von ihnen sind schwer traumatisiert und brauchen medizinische Hilfe. Nun können die Frauen und Kinder auf Hilfe in Deutschland hoffen. Baden-Württemberg hat als bisher einziges Bundesland ein Sonderkontingent für bis zu 1000 sexuell missbrauchte Frauen und Mädchen aus dem Nordirak aufgelegt.

Bisher sind nach Angaben des Staatsministeriums 333 Menschen in den Südwesten gekommen, in Kürze sollen weitere 108 folgen. Der verantwortliche Traumatologe der Landesregierung, Jan Ilhan Kizilhan, sieht keine Möglichkeit, die Opfer im Nordirak zu betreuen. «Keine der Nichtregierungsorganisationen hat leider weder die finanziellen noch personellen Möglichkeiten, Tausenden von Menschen über Jahre eine echte Therapie zu ermöglichen», sagt Kizilhan vor seiner Reise in den Nordirak.

Im Sommer des vergangenen Jahres hatten Terroristen des Islamischen Staates (IS) bei Überfällen auf Dörfer der religiösen Minderheit der Jesiden nach Schätzungen von Hilfsorganisationen rund 5000 Frauen und Mädchen verschleppt. Ein Teil ist freigekommen und lebt in Lagern im Nordirak. Einige von ihnen bietet Deutschland die Perspektive für einen Neuanfang.

Auch Niedersachsen hatte zuletzt 64 Frauen und Kinder aufgenommen. In Hessen hat der Innenausschuss des Landtages über das Thema beraten. Die Frauen und Kinder leben in Baden-Württemberg und in Niedersachsen aus Sicherheitsgründen in geheim gehaltenen Unterkünften in verschiedenen Kommunen. Sie erhalten Sprachunterricht, die Kinder gehen zur Schule. Baden-Württemberg rechnet mit Kosten von bis zu 95 Millionen Euro in den kommenden drei Jahren. Bis zum Jahresende will die Landesregierung das Kontingent ausschöpfen, wenn sie genügend Unterkünfte findet. Aktuell stehen laut Staatsministerium mehr als 900 Plätze in 14 Kommunen bereit.

«Wir sind der Überzeugung, dass das (Sonderkontingent) richtig und wichtig ist», sagte Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) im vergangenen Jahr. Es gehe darum, geschundenen Frauen zu helfen. Wer kein Herz aus Stein habe, sei aufgerufen, sich zu engagieren. Das Programm richtet sich nicht nur an Jesiden. Der Projektleiter im Staatsministerium, Michael Blume, sagt: «Baden-Württemberg hat die Strukturen aufgebaut, und andere hängen sich jetzt ran.»

Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) bewertet das Kontingent grundsätzlich positiv. «Das Aufnahmeprogramm ist eine Lösung für einige besonders schutzbedürftige Menschen, aber nicht für den Großteil der Menschen dort», meinte ein Sprecher. Zusätzlich solle auch die Arbeit der Hilfsorganisationen im Nordirak finanziell stärker unterstützt werden.

Eine dieser Organisationen ist die Jiyan Foundation mit Sitz in Berlin. Sie will im Oktober eine Klinik für Frauen im Nordirak eröffnen, die der Gefangenschaft der Terroristen entkommen sind. Die Organisation sieht das deutsche Projekt kritisch. «Man könnte viel mehr Leute mit dem Geld erreichen», sagte die Projektkoordinatorin für den Irak, Friederike Regel. «Wir sind der Meinung, wenn man die Leute im Land rehabilitieren kann, dann sollte man das auch tun.»

Schleswig-Holstein, Bayern und Südtirol haben sich ebenfalls über das Programm von Baden-Württemberg informiert. Das bayerische Innenministerium spricht sich allerdings für die Organisation eines solchen Kontingentes über den Bund aus, unter anderem wegen der Visa-Vergabe. Baden-Württemberg schickt Landesbeamte in den Nordirak, um die Papiere der Frauen vorzubereiten und die Frauen auszufliegen. Südtirol will sich nach eigener Aussage um eine finanzielle Unterstützung von Organisationen vor Ort bemühen.