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Katja Fritsche hat das Jugendgefängnis Adelsheim direkt nach einer Massenschlägerei unter Gefangenen und einem nach wie vor ungeklärten Todesfall übernommen. Die Juristin will den Knast sanft voranbringen.
Mit der Geige in den Knast - neue Chefin im Jugendgefängnis Adelsheim © dpa
28.01.2015

Mit der Geige in den Knast - neue Chefin im Jugendgefängnis Adelsheim

Adelsheim. Als Katja Fritsche sich für ihren heutigen Posten beworben hat, da war Adelsheim ein ganz normales Jugendgefängnis. Doch nur wenige Wochen bevor sie ihre Arbeit begann, prügelten sich 50 Jugendliche beim Hofgang und verletzten dabei sechs Wärter. Kurz darauf starb ein 17-jähriger Insasse. «Ich hatte keine 100-Tage-Schonfrist», sagt Fritsche, die im Oktober ihren Dienst antrat. Am Freitag (30.1.) führt Justizminister Rainer Stickelberger (SPD) die 43-Jährige offiziell in ihr Amt ein. Fritsches Ziel: Mehr Sicherheit für ihre Mitarbeiter trotz immer aggressiverer Insassen - und ein menschlicher Umgang im Gefängnis.

Die Gefangenen seien heute anders als noch vor 20 Jahren, sagt Fritsche, die zuletzt als Jugendrichterin am Amtsgericht Heilbronn gearbeitet hat. Die Insassen würden immer aggressiver, rund jeder zweite habe ein Suchtproblem. Fritsche sagt: «Früher gab es eine gewisse Hemmschwelle. Heute gibt es kein Ende.» Wie letztlich auch der Vorfall im August 2014 gezeigt hat. 26 besonders brutale Jugendliche hatte die Anstaltsleitung nach der Schlägerei in andere Gefängnisse verlegt. Gegen 30 weitere hat die Polizei ermittelt und mittlerweile die Akten an die Staatsanwaltschaft übergeben.

Um die Sicherheit der Bediensteten zu gewährleisten, gelten nun neue Regeln: Die Insassen gehen nur noch in kleineren Gruppen auf den Hof, teilweise in einen abgesperrten Bereich. Zwei eingezäunte Höfe müssen noch fertiggestellt werden. Die Mitarbeiter fordern ein zusätzliches Training in Verteidigungstechniken, was sie auch erhalten sollen, wie Fritsche sagt.

Seit Januar bietet ein Traumaexperte zudem Gesprächsrunden für die Bediensteten an, um den Vorfall aufzuarbeiten. Bisher haben rund 30 Mitarbeiter das Angebot angenommen.

Zusätzliches Personal wäre auch eine Möglichkeit, mehr Sicherheit zu schaffen. Schon Fritsches Vorgänger meldete einen Bedarf an 50 zusätzlichen Bediensteten vom Sozialarbeiter bis zum Psychologen beim Justizministerium an. Doch Fritsche ist klar, dass ein solches Plus «unrealistisch» ist. Aktuell gibt es rund 250 Mitarbeiter. Ein Sprecher des Justizministeriums verweist auf die neu eingerichtete Kommission zum Umgang mit psychisch auffälligen Gefangenen, in der auch die Frage eines möglichen Stellenausbaus erörtert werde.

Zumindest zehn weitere Kräfte fordert der Personalratsvorsitzende Dietmar Mechler. Für die Betreuung von 10 bis 15 Insassen brauche es zwei statt nur einen Bediensteten. «Wir haben hier, klipp und klar, schwieriges Personal», sagt er über die Gefangenen.

Ob der Tod eines 17-Jährigen im September ein Unfall oder Suizid war, ist bis heute nicht restlos aufgeklärt. Als Folge dieses Vorfalles dürfen nun Gefangene erst nach einer ärztlichen und einer psychologischen Untersuchung allein in einer Zelle leben. Vorher reichte ein Arzt zur Beurteilung.

Fritsche will trotz des Vorfalls im August einen menschlichen Umgang im Gefängnis pflegen. Die Anstaltsleiterin beschreibt die Gefangenen als «teilweise erfrischend ehrlich und zugänglich, manche höflich».

Auch weil sie gern mit Jugendlichen arbeitet, hat sie sich für die Stelle als Leiterin der Einrichtung mit rund 300 Gefangenen beworben. Als Jugendrichterin habe sie mindestens 400 Fälle pro Jahr bearbeitet, meistens Schlägereien und Drogenhandel. Nachdem sie ein Jahr in der Anstaltsleitung der JVA Heilbronn gearbeitet hatte, wollte sie langfristig in den Justizvollzug wechseln. «Da hat man nicht nur mit Akten und Fällen zu tun, sondern mit Menschen.»

Fritsche mache ihre «umfassenden Erfahrungen zur idealen Leiterin unserer Jugendstrafanstalt», sagt Justizminister Stickelberger der Deutschen Presse-Agentur. Mit ihrem Werdegang erfülle sie die Anforderung an Anstaltsleiter, die in der Regel zuvor Richter gewesen sein müssen. In Sonderfällen können es auch Psychologen sein.

Eine Neuerung für die Insassen hat Fritsche an Weihnachten selbst dargeboten: Sie hat für die Gefangenen mit ihrer Geige musiziert: «Alle Jahre wieder», «Stille Nacht» und «Let it be» von den Beatles. «Ich habe überlegt, warum soll ich nur für meine Familie spielen, da kann ich doch auch für meine neue, berufliche Familie spielen?», erzählt Fritsche. Ob es den Gefangenen gefallen hat, weiß sie nicht. Aber: «Es kehrte eine gewisse Ruhe ein.»