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An der Krawatte, mit der vor 20 Jahren ein 17-jähriges Mädchen ermordert wurde, konnten Spezialisten des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg nach wochenlanger Feinarbeit im Herbst 2011 Hautschuppen finden, die dem zur Tatzeit 63 Jahre alten Fernfahrer eindeutig zugeordnet werden konnten. Der Täter beging im Jahr 2000 Selbstmord.
An der Krawatte, mit der vor 20 Jahren ein 17-jähriges Mädchen ermordert wurde, konnten Spezialisten des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg nach wochenlanger Feinarbeit im Herbst 2011 Hautschuppen finden, die dem zur Tatzeit 63 Jahre alten Fernfahrer eindeutig zugeordnet werden konnten. Der Täter beging im Jahr 2000 Selbstmord. © dpa
20 Jahre nach dem Mord an einer 17-Jährigen hat ein DNA-Test geholfen, den Mörder zu finden. Der jedoch kann nicht mehr belangt werden, denn er ist bereits gestorben.
20 Jahre nach dem Mord an einer 17-Jährigen hat ein DNA-Test geholfen, den Mörder zu finden. Der jedoch kann nicht mehr belangt werden, denn er ist bereits gestorben. © Symbolbild: dpa
07.02.2012

Mord an 17-Jähriger nach 20 Jahren aufgeklärt

Heidelberg. Nach 20 Jahren hat die Heidelberger Kriminalpolizei einen Mordfall aufgeklärt: Die im August 1991 getötete Bianca Keil könnte von ihrem Großonkel, dem Bruder des Großvaters, erwürgt worden sein. Der Mann, Jahrgang 1928, kann allerdings nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden. Er hat sich im Dezember 2000 in der Nähe von Bruchsal das Leben genommen.

Bianca Keil, eine aus Erfurt stammende, zur Tatzeit 17 Jahre alte Restaurant-Fachfrau-Auszubildende, war am 14. August 1991 von ihrem Arbeitgeber als vermisst gemeldet worden, nachdem sie mehrere Tage nicht bei der Arbeit erschienen war.

Im März 1992 erhielt die Heidelberger Polizeidirektion Nachricht der Polizei aus dem französischen Besancon dass dort in einem Waldstück in der Nähe einer Autobahn am 10. August 1991 die Leiche eines mit einer Krawatte erdrosselten jungen Mädchens aufgefunden worden war. Erst durch die Nachricht der französischen Behörden wurde diese Leiche als die in Heidelberg verschwundene Bianca Keil identifiziert. Die französischen Ermittler gingen damals davon aus, dass Fundort nicht gleich Tatort war, konnten aber keine weiteren Ergebnisse hinsichtlich eines Tatverdachtes erzielen.

Bereits kurz nach der Vermisstmeldung war die bei der Heidelberger Kriminalpolizei eingerichtete Sonderkommission von einem Kapitalverbrechen an Bianca Keil ausgegangen und hatte den damals 63-jährigen Großonkel des Opfers im Verdacht, die Tat begangen zu haben. Es war ermittelt worden, dass er bis kurz vor der Tatzeit ein intimes Verhältnis mit der 17-Jährigen hatte, bis diese die Beziehung abbrach, als sie in Erfurt einen jungen Mann kennen gelernt hatte.

Dieser Tatverdacht war jedoch trotz intensiver offener und auch verdeckt geführter Ermittlungen nicht zu erhärten. Insbesondere gelang es nicht, dem Großonkel die als Tatwerkzeug benutzte Krawatte zuzuordnen. Nach der Abarbeitung aller Spuren musste die Sonderkommission aufgelöst, die aktiven Ermittlungen eingestellt werden.

Die Fallakten wurden beim Dezernat 11 archiviert, ein Sachbearbeiter war – wie in solchen Fällen üblich – mit der Beobachtung des kriminalpolizeilichen Informationsaustausches befasst, um eventuell neue Ansatzpunkte für Ermittlungen zu finden. Im Mai 2004 traf die Leitung der Kriminalpolizei Heidelberg die Entscheidung, dass alle bis dato als „nicht geklärt“ in den Akten geführten Mordfälle systematisch auf die Möglichkeiten hin untersucht werden, mit neuen, zum Tatzeitpunkt noch nicht bekannten kriminaltechnischen Methoden zu einem Tatverdacht zu kommen. Im August 2007 übernahm ein Sachbearbeiter des Dezernates Kapitalverbrechen die zentrale Bearbeitung dieser Fälle.

In diesem Zusammenhang wurden auch die Asservate (sichergestellte Gegenstände mit Tat- oder Täterbezug) im Mordfall Bianca Keil erneut überprüft, darunter auch die Krawatte, mit der das Opfer erdrosselt worden war. Diese wurde im Dezember 2009 zusammen mit zwei von Bianca Keil am Tattag getragenen Bekleidungsstücken (T-Shirt, Slip) dem LKA Stuttgart zur kriminaltechnischen Untersuchung auf Gebrauchs-DNA-Spuren übersandt. Als Vergleichsprobe hatten die Ermittler drei Postkarten untersucht, die der tatverdächtige Großonkel 1983 von seinen Fernfahrertouren aus Frankreich nach Deutschland geschickt hatte. Aus Speichelresten unter den Briefmarken ließ sich die jeweils gleiche DNA isolieren.

Erfolgversprechende Vergleichsuntersuchungen, in denen kleinste Hautabriebspuren auf übereinstimmende DNA hin untersucht werden konnten, sind in der kriminaltechnischen Anwendung erst seit Mitte der 90iger Jahre möglich; 1994 datiert die erste erfolgreiche Untersuchung in einem Mordfall. In den Jahren davor waren wesentlich größere Mengen des Trägerstoffes für eine erfolgversprechende Untersuchung notwendig.

Im November 2011 übersandte das Kriminaltechnische Institut des LKA Stuttgart die Nachricht an die Heidelberger Ermittler: an der Krawatte, mit der Bianca Keil erdrosselt wurde, befindet sich DNA-Material, das mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:16 Billiarden von dem tatverdächtigen Großonkel stammt.

Nicht nur dass die DNA-Spuren an der Krawatte eindeutig von Großonkel stammen, er hatte auch wegen des beendeten intimen Verhältnisses ein eindeutiges Motiv. Und: Als Fernfahrer fuhr er häufig die Tour Deutschland/Spanien, die an Besancon vorbeiführt. Er dürfte sich also dort ausgekannt haben. Bereits bei der ersten Untersuchung seines Autos im Jahr 1991 waren auf dem Beifahrersitz Mikrofaserspuren des von Bianca Keil zuletzt getragenen T-Shirts festgestellt worden.

Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei Heidelberg sind nach einer Bewertung der Gesamtumstände der Überzeugung, dass der Großonkel Bianca Keil um den 10. August 1991 herum ermordet hat. Der genaue Tatort war im Nachhinein nicht mehr zu ermitteln. Die Staatsanwaltschaft Heidelberg hat das Ermittlungsverfahren gegen den im Jahr 2000 verstorbenen Beschuldigten formell eingestellt, die Ermittlungen sind abgeschlossen.

Mit diesem Fall ist es der Heidelberger Kriminalpolizei nun schon zum zweiten Mal gelungen, bei der Aufarbeitung bislang nicht geklärter Mordfälle einen dringenden Tatverdächtigen zu ermitteln. Bereits am 30. September 2008 war in Mannheim ein 54-jähriger Mann unter dem dringenden Verdacht festgenommen worden, am 15. Juni 1980 den damals 60 Jahre alten Hans Weber in Leimen/Rhein-Neckar-Kreis getötet zu haben. Dieser Beschuldigte wurde am 13.Juli 2009 vom Landgericht Heidelberg wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. pol