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Der Angeklagte Hussein K. wird am in Fußfesseln im Landgericht in den Gerichtssaal gebracht. Der Angeklagte hat gestanden, eine junge Frau missbraucht, gewürgt und bewusstlos ins Wasser gelegt zu haben.
Der Angeklagte Hussein K. wird am in Fußfesseln im Landgericht in den Gerichtssaal gebracht. Der Angeklagte hat gestanden, eine junge Frau missbraucht, gewürgt und bewusstlos ins Wasser gelegt zu haben. © dpa
12.03.2018

Mord an Studentin aus dem Enzkreis: Täter bricht sein Schweigen

Freiburg/Enzkreis. Hussein K. hat lange geschwiegen. Der Angeklagte im Freiburger Mordprozess sagte nichts, nahm größtenteils ohne äußerliche Regung an dem Verfahren teil. Nach mehr als einem halben Jahr Prozessdauer und 24 Verhandlungstagen ergreift er das ihm mögliche letzte Wort. „Ich bereue die Tat. Ich möchte mich entschuldigen“, sagt er.

Der Prozess, der Anfang September vergangenen Jahres begonnen hat und überregional auf Resonanz stößt, steht somit vor seinem Finale. Das Urteil wird am 22. März verkündet.

Die Anklage sieht es als erwiesen an, dass der Flüchtling im Oktober 2016 nachts in Freiburg eine 19-jährige Studentin aus dem Enzkreis vom Fahrrad gestoßen, vergewaltigt und ermordet hat.

„Es tut mir leid, dass es passiert ist. Aber ich kann die Zeit nicht zurückdrehen“, sagt Hussein K. am Montag vor dem Freiburger Landgericht. „Das, was ich getan habe, tut mir sehr leid.“ Nun erwarte er ein Urteil: „Ich möchte dafür in Rechenschaft gezogen werden – die Strafe erhalten, die mir zusteht“, sagt der junge Mann, dessen Worte übersetzt werden. „Drogen haben mir mein Leben zerstört.“ Kurze Zeit später wird Hussein K. schwer bewacht zurück in seine Zelle gebracht.

Zum Prozessauftakt gab Hussein K. zu, die Studentin gewürgt und vergewaltigt zu haben. Er gab an, im Affekt und ohne Absicht gehandelt zu haben. Zudem sei er betrunken gewesen. Sein Alter sowie Details der Tat nannte er nicht.

Hussein K. war im November 2015 ohne Papiere nach Deutschland gekommen. Er galt als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling. Den Behörden gab er an,
16 oder 17 Jahre alt zu sein. Überprüft wurde das Alter nicht.

Doch das Alter hat in dem Fall große Bedeutung. Zur Unterscheidung zwischen Jugend- und Erwachsenenstrafrecht ist es juristisch entscheidend. Die Staatsanwaltschaft hält den vor der Jugendkammer angeklagten Hussein K. für mindestens 22 Jahre alt. Gutachten und Zeugenaussagen haben das bestätigt, sagt Oberstaatsanwalt Eckart Berger. Die Folge sei Erwachsenenstrafrecht. Die Strafen sind dabei in der Regel höher als beim Jugendstrafrecht.

Hussein K. direkt gegenüber sitzt Rechtsanwalt Bernhard Kramer. Er vertritt die Eltern der getöteten Studentin, die in dem Prozess als Nebenkläger auftreten. Persönlich erschienen sind sie nicht. „Seelisch und nervlich sind sie nicht dieser Situation gewachsen“, sagt Kramer. Die Eltern, sagt der Jurist, „sind nicht von Hass oder Rachegefühlen erfüllt.“ Sie hätten „unvorstellbares Leid durchlebt“ und wünschten sich, dass der Fall juristisch korrekt aufgeklärt werde. Dies sei in dem Prozess gelungen.

Reue, sagt Staatsanwalt Berger, habe Hussein K. nicht gezeigt. Er habe gelogen und getäuscht. Berger fordert eine lebenslange Haftstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung. Zudem müsse die besondere Schwere der Schuld festgestellt werden. Damit wäre eine vorzeitige Freilassung nach
15 Jahren nahezu ausgeschlossen.

Kramer schloss sich dem für die Nebenklage an. Er sieht eine Gefahr in dem Angeklagten, dieser sei ein Wiederholungstäter. Wegen einer schweren Gewalttat an einer jungen Frau auf Korfu im Jahr 2013 war Hussein K. in Griechenland zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, im Oktober 2015 aber vorzeitig entlassen worden.

Der Pflichtverteidiger Sebastian Glathe setzt der Anklage grundsätzlich nichts entgegen. Auch er rechnet mit einer langjährigen Haftstrafe, wie er in seinem Plädoyer am Montag sagt. Er fordert eine Drogentherapie. Sicherungsverwahrung und besondere Schwere der Schuld lehnt er ab.

***

Die Tat in Freiburg ereignete sich in der Nacht zum 16. Oktober 2016 gegen 3 Uhr. Festgenommen wurde Hussein K. am 2. Dezember 2016 in Freiburg. Seit 5. September 2017 steht er vor Gericht.

 

  Abschlussmeldung

von Staatsanwaltschaft Freiburg und Polizeipräsidium Freiburg vom 31. Januar 2017
Leblose Frau aufgefunden - Sonderkommission wird aufgelöst

Die seit Bekanntwerden der Tat am 16. Oktober gebildete Sonderkommission Dreisam wird zum Ablauf dieses Monats aufgelöst. In der Spitze befanden sich bis zu 63 Ermittlerinnen und Ermittler in der Soko, Unterstützungskräfte der Polizeipräsidien Heidelberg, Tuttlingen, Offenburg sowie des Polizeipräsidiums Einsatz kamen zum Einsatz.

Etwa 2350 Personen wurden im Rahmen der Ermittlungen befragt oder vernommen, 2100 Hinweise und Spuren wurde nachgegangen, um das Tatgeschehen weitestgehend zu erhellen.

Die polizeilichen Ermittlungen konnten weitgehend abgeschlossen werden. Die weitere Bearbeitung wird ab dem 01.02.17 von den beiden Hauptsachbearbeitern übernommen. Sämtliche Zeugen und Auskunftspersonen, auf die sich im Rahmen der durchgeführten Ermittlungen Hinweise ergeben haben, konnten von der Soko Dreisam namentlich ermittelt und befragt werden. Im Rahmen der Ermittlungen konnten keinerlei Hinweise darauf erlangt werden, dass sich Täter und Opfer zuvor kannten.

Der Beschuldigte hat sich bislang nicht zur Tat geäußert, er befindet sich weiterhin in Untersuchungshaft. Zur Feststellung des tatsächlichen Alters wurde ein Gutachten in Auftrag gegeben, dessen Ergebnis noch nicht vorliegt.

Auch nach dem vorläufigen Abschluss der Ermittlungen ergeben sich keine Bezüge zu dem Tötungsdelikt in Endingen.   

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