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09.05.2017

Muhterem Aras: Habe das «schönste Amt» im Südwesten inne

Stuttgart. Sie hat eine Integrationskarriere wie im Bilderbuch hingelegt: Vom Bauernkind in Anatolien bis an die Spitze des baden-württembergischen Landtags. Ein Jahr hat die erste Muslimin an der Spitze eines Landesparlaments, Muhterem Aras, hinter sich. Von Amtsmüdigkeit ist keine Spur zu bemerken. «Das ist das schönste Amt im Land», schwärmt sie. Insbesondere die parteiübergreifende Arbeit an grundsätzlichen Themen sei für sie spannend. «Ich bin politisch, nicht parteipolitisch unterwegs«, erläutert die Grünen-Politikerin, die seit dem 11. Mai 2016 das zweithöchste politische Amt nach Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) innehat. Bundesweit ist sie eine von derzeit sieben Landtagspräsidentinnen.

Die 51-jährige ist ein Paradebeispiel für den Aufstieg durch Bildung. Ihre Eltern wollten, dass es ihre fünf Kinder einmal besser haben. «Bildung ist das Wichtigste», hieß es bei Aras zu Hause. So schaffte sie den Weg von der Hauptschule bis zum Abitur. Anschließend studierte sie Wirtschaftswissenschaften. 1999 gründete
die zweifache Mutter ihr eigenes Steuerberatungsbüro in Stuttgart-Mitte. Bei der Landtagswahl 2016 fuhr die damalige Finanzpolitikerin ihrer Fraktion mit 42,4 Prozent (Wahlkreis Stuttgart 1) das beste Resultat im ganzen Südwesten ein.

Das bedeutendste Projekt ihrer Amtszeit ist die Wertekampagne. Unter dem Label «Wertsachen - Was uns zusammenhält» begann sie mit ZDF-Moderatorin Dunja Hayali. Mit dem Thema habe sie angesichts verbreiteter Zweifel an Demokratie und Parlamentarismus einen Nerv getroffen. Aras: «Die Zeit ist reif für eine Wertediskussion, das sehe ich an den vielen Anfragen von Privatpersonen, Schulen, Vereinen und Stiftungen, die sich einbringen wollen.»

Und Fremdenfeindlichkeit? Die türkischstämmige Landtagsabgeordnete kann davon kein Lied singen. «Solche kritische Stimmen aus der rechten Ecke kann ich an einer Hand abzählen», berichtet die zierliche Frau mit dem dunklen Pagenschnitt. Tadel kommt aus der türkischen Gemeinschaft, und zwar von Anhängern der türkischen Regierungspartei AKP. Denen passt nicht, dass sich Aras gegen die Nazi-Vorwürfe des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und Einschüchterung von Erdogan-Kritikern in Deutschland wandte.

Die Türkische Gemeinde hingegen beurteilt ihre Arbeit positiv. «Sie ist eine Bereicherung für uns alle und für türkischstämmige Jugendliche eine Motivation, teilzuhaben, sich politisch zu engagieren und solche Ämter anzustreben», sagt Chef Gökay Sofuoglu.

Auch die Opposition im Landtag zollt ihr Respekt, namentlich für die Leitung der Landtagssitzungen. «Ich bin mit der Arbeit von Frau Aras zufrieden», sagt FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke. Sie bemühe sich erkennbar um eine überparteiliche Amtsführung. «Dort, wo sie glaubt, politisch Stellung nehmen zu müssen, war es bislang immer so, dass ich dem Gesagten - über Parteigrenzen hinweg - zustimmen konnte.»

Auch die AfD als größte Oppositionsfraktion hat wenig auszusetzen. Dabei war bei Aras' Amtsantritt die Neugier groß, wie sie mit der Herausforderung einer neuen rechtspopulistischen Kraft im Parlament umgehen würde. Dass das Verhältnis nicht ohne Brisanz sein würde, zeigte sich auch darin, dass nur Fraktionschef Jörg Meuthen ihr nach der Amtsvereidigung per Handschlag gratulierte. Seine Bilanz nach einem Jahr: «Frau Aras ist im Landtag um neutrales Auftreten bemüht, die Zusammenarbeit mit ihr ist vertrauensvoll und fair.» Einzig die Ordnungsrufe wegen unparlamentarischen Verhaltens müssten gleichmäßiger verteilt sein. Ausfälligkeiten von AfD-Abgeordneten dürfen nicht eher als die von Grünen-Abgeordneten gerügt werden.

Das Urteil der SPD ist verhalten. Fraktionschef Andreas Stoch erkennt an, dass Aras das Amt der Präsidentin in einer politisch schwierigen Zeit übernommen habe. Der Umgangston habe sich durch das provokante Auftreten der AfD-Abgeordneten deutlich verschärft. Diplomatisch verpackt gibt Stoch Aras den Rat, stärker durchzugreifen: «Hier erwarten wir von der Präsidentin klare Kante zur Wahrung des Respekts gegenüber dem Parlament.»

Einziger Wermutstropfen in der neuen Position ist für Aras, dass noch weniger Zeit für Familie und Freunde bleiben. Die Arbeitstage reichen von 8.00 Uhr morgens bis in den späten Abend. Jetzt versucht sie, wenigstens die Wochenenden freizuschaufeln - um zu lesen, spazieren zu gehen oder in der Familie zu kochen. Aras sagt: «Man braucht einfach Orte, wo man Kraft tanken kann.»