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Die Tatverdächtigen sind längst Greise oder tot. Trotzdem setzen die Nazi-Jäger aus Ludwigsburg ihre Suche fort - auch nach einem Wechsel an der Hausspitze.
nazijäger © dpa
27.12.2014

NS-Stelle: Jagd auf Nazis geht weiter - Majdanek-Suche erfolgreich

Stuttgart. Die Jagd nach Nazis, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg in alle Herren Länder abgesetzt haben, geht mit unverminderter Härte weiter. «Im Augenblick denkt noch niemand über eine Jahreszahl zur Schließung der Behörde nach», sagte der Leiter der weltweit einzigartigen NS-Fahndungsstelle in Ludwigsburg, Kurt Schrimm, der Deutschen Presse-Agentur. Er selbst werde Ende September 2015 voraussichtlich in den Ruhestand gehen, nachdem er schon einmal um ein Jahr verlängert hatte. Laut Schrimm lohnt die Suche nach NS-Verbrechern noch. Wieder wurden neue Vorermittlungsverfahren an die zuständigen Staatsanwaltschaften abgegeben. «Das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht.»

Nach dem NS-Konzentrationslager Auschwitz nahmen die Ludwigsburger Ermittler Verbrechen im früheren deutschen Vernichtungslager Majdanek ins Visier: Nach Auskunft von Schrimm wurden jüngst zwölf Fälle nach Stuttgart, München, Dortmund, Mainz, Leipzig Hamburg und Nürnberg abgegeben. Allesamt Ex-Aufseher in Majdanek. «Ihnen wird Beihilfe zum Mord vorgeworfen», sagte Schrimm. Eigentlich wurden 28 mögliche NS-Verbrecher ausfindig gemacht, es stellte sich heraus, dass 16 davon schon starben. Die NS-Stelle wurde 1958 gegründet. Sie soll Täter ermitteln und mit Hilfe der Staatsanwaltschaften vor Gericht bringen.

Die Ludwigsburger hatten nach Verdächtigen gesucht, die insbesondere von September 1942 bis September 1943 in Majdanek aktiv waren. In diesem Zeitraum wurde Majdanek als Vernichtungslager genutzt. Bereits Ende 2013 hatte die Zentrale Stelle wegen Beihilfe zum Mord in Auschwitz 32 Vorermittlungen an Staatsanwaltschaften in elf Bundesländern abgegeben.

Interessant sind laut Schrimm nach wie vor die Archive in Russland, Brasilien und Peru. Moskau habe beispielsweise Gerichtsakten von als Kriegsverbrechern verurteilten deutschen Kriegsgefangenen an die Nachfolgestaaten der Sowjetunion weitergereicht. «Die Russen sind nur bereit, uns die Unterlagen über diejenigen einsehen zu lassen, die nach dem Zweiten Weltkrieg nicht amnestiert wurden.» Schrimm und seine Kollegen, wollen aber auch an die Akten der Amnestierten herankommen, denn auch unter den Amnestierten könnten Kriegsverbrecher sein. «Wenn die russische Generalstaatsanwaltschaft zustimmt, gelingt das vielleicht. Wir haben sie darum gebeten.»

Als Hitlers Wehrmacht 1941 in die Sowjetunion einmarschierte, gerieten Millionen von Rotarmisten in deutsche Kriegsgefangenschaft. Als sich das Blatt wendete und die Ostfront zusammenbrach, kamen immer mehr deutsche Soldaten in Gefangenschaft. Viele von ihnen wurden in der Sowjetunion als Kriegsverbrecher verurteilt, meist zu 25 Jahren Zwangsarbeit, wie Schrimm erläuterte. Sie kamen spätestens frei als Bundeskanzler Konrad Adenauer 1955 in Moskau ihre Freilassung ausgehandelt hatte.

In Brasilien schlummert laut Schrimm «ungeheures Material». Im kommenden Jahr werde er mit seinen Kollegen wieder nach Rio reisen, um erneut Zehntausende Karteikarten von nach Brasilien eingewanderten zu sichten. Die Kriterien bei der Suche nach NS-Tätern weltweit sind seit Jahren die gleichen: Gerastert wird nach den Geburtsjahren 1915 bis 1928, die Einreisezeit sollte 1945 bis 1955 sein. Alleinreisende erregen Aufmerksamkeit und erst recht, wenn sie mit einem Pass des Internationalen Deutschen Roten Kreuzes ausgestattet waren. Das Rote Kreuz war auf allen europäischen Kriegsschauplätzen vertreten. Rot-Kreuz-Helfer erhielten Zugang zu Konzentrationslagern, organisierten Hilfe für Flüchtlinge und Verfolgte, die sich versteckt hielten. Bekannt ist laut Schrimm aber auch, dass viele Nazis sich mit Hilfe von Rot-Kreuz-Dokumenten in andere Länder absetzten.