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Elisabeth Käsemann wurde 1977 von der argentinischen Militärjunta ermordet. 34 Jahre später wurden mehrere Ex-Offiziere für das Verbrechen verurteilt. Foto: dpa
käsemann © dpa
15.07.2011

Nach 34 Jahren - Lebenslang für Foltermörder von Käsemann

BUENOS AIRES/TÜBINGEN. Vier Kugeln haben Elisabeth Käsemann getötet. 1977 in Argentinien. Gefoltert und ermordet von der Militärjunta. Ein Gericht hat einige Verantwortliche jetzt verurteilt. Was Käsemanns Bruder etwas hilft. So richtig loslassen kann er das Thema aber nicht. Noch nicht.

«Das Thema liegt wie ein Schatten über unserer Familie», sagt Ulrich Käsemann, Bruder der vor 34 Jahren in Argentinien von der Militärjunta ermordeten Tübinger Studentin Elisabeth Käsemann. Daher helfe die Verurteilung mehrerer Ex-Offiziere wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vom Donnerstag ein wenig, das Thema loszulassen. Endlich. «Zufrieden» mache es ihn, zu wissen, dass einige Verantwortliche für den Tod seiner Schwester zumindest den Rest ihres fast abgelaufenen Lebens hinter Gitter verbringen. Letztlich hoffe er aber, dass irgendwann auch Ex-Staatschef Jorge Videla für das Verbrechen zur Rechenschaft gezogen wird. «Dann werde ich mich von dem Thema verabschieden.»

«El Vesubio» - der Name des Folterzentrums der Militärjunta in Buenos Aires steht für unfassbare Gräuel. Am 9. Mai 1977, wenige Tage vor ihrem 30. Geburtstag, wird Elisabeth Käsemann von Soldaten verschleppt. Man verhört sie, quält sie mit Schlägen und Elektroschocks. Eine britische Freundin informiert ihren Vater, den berühmten Tübinger Theologe Ernst Käsemann (1906-1998). Verzweifelt versucht der anerkannte Neutestamentler seine Tochter zu befreien. Dem Auswärtigen Amt in Bonn unter Hans-Dietrich Genscher wirft er später Versagen vor - und eine wirtschaftspolitisch motivierte Kuschel-Diplomatie. Sein Zitat «Ein verkaufter Mercedes wiegt zweifellos mehr als ein Leben» nutzt auch sein Sohn Ulrich Käsemann heute noch.

Doch warum kam seine Schwester in die Fänge der Militärjunta? Mitte der 1960-Jahre studiert Elisabeth Käsemann in Berlin Politik , erlebt die Studentenunruhen dort, hat enge Kontakte zu Studentenführer Rudi Dutschke. 1968 fliegt sie nach Südamerika, ursprünglich nur für ein Praktikum bei der Methodistischen Kirche in Bolivien. Das Elend der Armen lässt sie aber nicht los und sie bleibt als Sozialarbeiterin dort. Aus Monaten werden Jahre. Linke Gedanken, ja - in der Heimat gilt sie manchen aber dadurch auch als RAF-Sympathisantin, als potenzielle Terroristin. Vielleicht erklärt das, warum sich die Regierung Schmidt 1977 nicht so recht für ihre Befreiung einsetzte, wie ihr Bruder heute vermutet. Am 11. Mai 1977 wird Elisabeth Käsemann erschossen.

Die argentinische Militärjunta hatte in den 70er-Jahren in einer Hexenjagd sogenannte «subversive» Regimekritiker verfolgt. Menschenrechtsrechtsgruppen schätzen die Zahl der Ermordeten auf mehr als 30 000. Die meisten Opfer sind bis heute spurlos verschwunden. Die Militärs verbrannten ihre Opfer damals, verscharrten sie anonym oder stürzten sie betäubt aus Flugzeugen heraus ins Meer.

Ulrich Käsemann ärgert sich nach wie vor, dass die damalige Bundesregierung in Bonn sich nach seiner Einschätzung nicht für die Rettung seine Schwester aus dem Folterlager eingesetzt hat. «Die wussten, was passiert ist - und haben immer nur alles abgewiegelt», sagt er. Außenminister Hans-Dietrich Genscher versprach damals stets hartnäckige «Bemühungen um eine vollständige Ermittlung des Sachverhalts». Ulrich Käsemann ist sich sicher, dass es die nie gab. Und folgt damit der Ansicht seines Vaters, der bis zu seinem Tod 1998 für die Rechtfertigung seiner Tochter kämpfte.

Heute sei die Unterstützung der Bundesregierung da. In dem aktuellen Prozess trat Berlin als Nebenkläger auf. Möglich wurde die späte Genugtuung für Käsemann durch die Abschaffung des sogenannten Schlusspunkt-Gesetzes aus den 1980er-Jahren, das vielen Tätern Amnestie zusicherte. 2003 wurde es aufgehoben, die Staatsanwaltschaft Nürnberg erließ die internationalen Haftbefehle. «Da war die Freude groß, dass diese Bastarde endlich vor Gericht müssen», erinnert sich Ulrich Käsemann.

Auch der Kommandant der Hölle «El Vesubio», Pedro Durán Sáenz, gehörte zu den Angeklagten. Allerdings starb er Anfang Juni während des Verfahrens im Alter 76 Jahren an Herzversagen. Die Staatsanwaltschaft hatte den Angeklagten in 156 Fällen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zur Last gelegt. Es ging um 22 Morde, Verschleppungen und Folter. dpa