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Nach dem Abschalten der beiden alten Atomkraftwerke in Baden-Württemberg muss sich das Betreiberunternehmen EnBW Gedanken über einen neuen Energiemix und neue Wirtschaftskonzepte machen.
Nach dem Abschalten der beiden alten Atomkraftwerke in Baden-Württemberg muss sich das Betreiberunternehmen EnBW Gedanken über einen neuen Energiemix und neue Wirtschaftskonzepte machen. © dpa
12.04.2011

Nach AKW-Abschaltung: EnBW sucht neuen Kurs

KARLSRUHE. Seit vier Wochen stehen die Meiler Philippsburg I und Neckarwestheim I still. Das Moratorium gilt noch zwei weitere Monate. Eine Herausforderung für EnBW-Chef Hans-Peter Villis, der sich bislang für Atomenergie stark machte. Inzwischen schlägt er leisere Töne an. Zuletzt verteidigte er in der «Welt am Sonntag» das vorübergehende Abschalten.

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«Ich halte es für richtig, dass die Bundesregierung in dieser erschütternden, auch menschlich tief bewegenden Situation im japanischen Fukushima das Moratorium und die Einsetzung einer Ethikkommission beschlossen hat.» Nicht zuletzt wegen dieser Äußerung gilt es als sehr unwahrscheinlich, dass EnBW wie der Mitbewerber RWE gegen das Moratorium klagt. «Der Bescheid wird juristisch geprüft», heißt die Sprachregelung der Pressestelle. Mit welchen Konsequenzen geprüft wird, bleibt unklar; dass am Ende eine Klage stehen könnte, wird sofort als reine Spekulation zurückgewiesen. Die Einspruchsfrist läuft in wenigen Tagen ab.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Konzern mit dem Einstieg des Landes als Großaktionär quasi zum Staatsbetrieb geworden ist. Mit diesem Schritt hat der scheidende Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) die Grenzen zwischen Politik und Wirtschaft zusätzlich verwischt: Die Politik muss sich nun - mehr als es dem designierten Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (Grüne) lieb ist - um die wirtschaftlichen Belange des Atomstromers kümmern. Und Villis ist zu mehr Rücksicht gegenüber der Politik verdammt als die Manager der anderen Energiekonzerne.

Deshalb muss Villis jetzt den Spagat üben: Er verteidigt das Moratorium und nimmt sogar Neckarwestheim I vollständig vom Netz. Gleichzeitig muss er klarstellen, dass ein Atomausstieg seinem Unternehmen kaum etwas ausmacht - obwohl in den vergangenen Jahren mehr als 50 Prozent der Stromproduktion aus den vier Meilern kam. Das Herunterfahren von Neckarwestheim I und Philippsburg II dürfte sich deutlich in der Bilanz niederschlagen.

Energieexperte Andree Böhling von Greenpeace malt ein drastisches Szenario: «Ein Gewinneinbruch in 2013 um bis zu 50 Prozent ist durchaus realistisch.» Diese Einschätzung weist Villis umgehend als Unsinn zurück. Immer wieder erklärt er, dass Neckarwestheim mit seiner vergleichsweisen geringen Leistung von 840 Megawatt sowieso am Rande der Wirtschaftlichkeit arbeitete.

Diese These stimmt im Blick auf die notwendigen Nachrüstungen, deren Kosten wohl die Schmerzgrenze von 150 Millionen Euro deutlich überschreiten würden. Allerdings: Bis es soweit gekommen wäre, hätte der Konzern durchaus noch einiges Geld verdienen können. Schätzungen gehen von 500.000 bis zu einer Million Euro pro Tag und Meiler aus, die EnBW jetzt bei Philippsburg und Neckarwestheim durch die Lappen gehen.

Geld, das Villis auch für den Ausbau der erneuerbaren Energien gut gebrauchen könnte. Im Moment beträgt der Anteil dieser Energieform rund elf Prozent. «Das ist absolut vorzeigbar», sagte er im «Welt»-Interview. In den kommenden Jahren will er weitere drei Milliarden Euro in dieses Segment investieren. Der Offshore-Windpark Baltic 1 geht im Mai offiziell ans Netz, die Anlagen für Baltic 2 sind schon bestellt.

Ob sich diese Investitionssumme halten lässt, wenn auch Philippsburg endgültig abgeschaltet wird, bleibt abzuwarten. Die Entscheidung über die Abschaltung fällt die Politik, die bereits umfangreiche Fragebögen an die Energiekonzerne geschickt hat. Nach der Auswertung werden sich Kontrolleure ein Bild in den Meilern machen. «Das wird frühestens nach dem 23. April passieren», sagt ein Sprecher des Stuttgarter Umweltministeriums.

Und was sagen die rund 20.000 Mitarbeiter zum sich abzeichnenden Abschied von der Atomkraft? Im Gegensatz zu Betriebsräten anderer Unternehmen wie Opel oder Porsche, die sich vor allem in Umbruchzeiten lautstark zu Wort melden, hüllen sich die EnBW-Vertreter in Schweigen. Bei Nachfragen verweisen sie auf die Pressestelle. dpa

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