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Aussteiger aus der Nazi-Szene müssen mit Repressalien rechnen. Das Programm BIG Rex hilft beim Ausstieg aus dem braunen Sumpf in den Einstieg in ein neues, normales Leben ohne stumpfen Hass und hirnlose Gewalt.
Aussteiger aus der Nazi-Szene müssen mit Repressalien rechnen. Das Programm BIG Rex hilft beim Ausstieg aus dem braunen Sumpf in den Einstieg in ein neues, normales Leben ohne stumpfen Hass und hirnlose Gewalt. © dpa
26.12.2011

Nazi-Aussteiger müssen mit Angst vor Racheakten leben

Stuttgart. «Die Angst wird immer ein Teil von mir sein», sagt Alex, der deswegen auch nicht seinen richtigen Namen nennen möchte. Er hat Angst davor, von ehemaligen Kameraden aus der Neonazi-Szene terrorisiert zu werden, weil sie ihn als Verräter betrachten. Dabei habe er nie jemanden verraten, sagt der Aussteiger. Dies sei auch gar nicht das Ziel des Aussteigerprogramms, erklärt Ellen Schneider von der Beratungs- und Interventionsgruppe gegen Rechtsextremismus (BIG Rex) des Landeskriminalamts Baden-Württemberg. Die BIG Rex wolle die Aussteiger nur für deren Zukunft unterstützen.

Alex wandte sich aus dem Gefängnis an das Aussteigerprogramm. Nach mehreren Jahren in der Szene und unzähligen Anzeigen wegen schwerer Körperverletzung oder Volksverhetzung wurde er für drei Jahre eingesperrt. Damals war er 20. «In der U-Haft war ich zum ersten Mal seit Jahren nüchtern. Da habe ich mir Gedanken gemacht, dass ich ein anderes Leben will», erzählt der Aussteiger. Die BIG Rex half ihm, Bier gegen Kaffee und Springerstiefel gegen Turnschuhe zu tauschen. Wenn jemand so lange in der Szene dabei war und auch noch alkoholsüchtig ist, dann falle der Ausstieg besonders schwer, sagt Schneider.

Die Mitarbeiter des Programms Ausstiegshilfen Rechtsextremismus in Baden-Württemberg gehen gezielt auf die Rechtsextremen zu. Die Hausbesuche bei polizeibekannten Neonazis hätten auch den positiven Effekt, dass sie die Szene verunsichern, meint Schneider. In der zehnjährigen Geschichte hat die Polizei 3200 Neonazis an die BIG Rex gemeldet, mit 2000 von ihnen haben BIG-Rex-Mitarbeiter zusammen mit der Polizei vor Ort mindestens einmal gesprochen. 380 Rechtsextremen wurde bis Ende 2010 erfolgreich beim Ausstieg geholfen.

Alex rutschte mit 15 Jahren in die Szene. «Ich hatte in der Schule Probleme mit Ausländern. In einer Kneipe habe ich Glatzköpfe getroffen, die das Gleiche über Ausländer gedacht haben wie ich.» Nach einem halben Jahr trug er dann Bomberjacke, Springerstiefel und Glatze. In der Schule wurde er daraufhin in Ruhe gelassen, weil die Mitschüler Angst vor ihm und seinen Freunden hatten. Er trank immer mehr Alkohol und zog gemeinsam mit seinen Kameraden durch die Stadt, um Punks und Ausländer zu schlagen.

Innerhalb der Kameradschaft arbeitete er sich nach oben. Zum ersten Mal im Leben bekam er Anerkennung. Er warb neue Mitglieder an und leitete Werbeaktionen für die NPD. «Die Parteioberen sind sich zu fein für Straftaten. Sie hängt aber in vielem drin», meint Alex zur NPD, die Verwicklungen in Straftaten abstreitet.

Die Diskussion um die Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund hat Alex genau verfolgt. Er kann sich vorstellen, dass es Nachahmer geben könnte: «Ich wäre damals auch bereit gewesen zu töten.» Der Staatsschutz bezeichnete ihn als tickende Zeitbombe. Deswegen ist für Alex mehr Prävention in der Schule wichtig: «Wenn man nur einen rettet, ist das schon ein großer Erfolg. Man muss ja auch sehen, wie viele Opfer man damit rettet. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie viele unter mir leiden mussten.»

Mittlerweile hat Alex ein neues Leben an einem anderen Ort begonnen. Mit der Angst vor Racheakten müsse er leben: «Ich versuche das Positive aus dem Negativen zu ziehen.» Er rät jedem aus der Szene, zur BIG Rex zu gehen: «Das Aussteigerprogramm ist kein Verräterprogramm.» Alex trinkt jetzt nicht mehr, hat eine feste Arbeitsstelle und einen neuen Freundeskreis. Der besteht aus Deutschen und Migranten. dpa