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Run auf neunjährige Gymnasialzüge - Koalition unter Druck.
Run auf neunjährige Gymnasialzüge - Koalition unter Druck © dpa
03.03.2012

Neunjährige Gymnasialzüge im Trend: Koalition unter Druck

Stuttgart/Rottenburg (dpa/lsw) - Nach deutlich mehr als 50 Anträgen auf neunjährige Gymnasialzüge ist ein neuer grün-roter Koalitionskrach programmiert. Die SPD-Fraktion plädierte am Freitag für die rasche Ausweitung des bislang auf maximal 44 Gymnasien begrenzten Schulversuchs.

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Die Grünen im Landtag sehen dagegen keinen akuten Diskussionsbedarf und beharren auf je 22 Schulversuchen in den kommenden zwei Schuljahren. Der Ruf des Städtetags und des Landeselternbeirat (LEB) nach echter Wahlfreiheit zwischen G9 und G8 bringt die Koalition zusätzlich unter Druck.

 Im Rahmen eines Schulversuchs wären maximal 120 Genehmigungen für neunjährige Züge möglich. Diese Zahl kommt nach Ansicht des LEB-Vorsitzenden Theo Keck dem tatsächlichen Bedarf nahe. «Mindestens jedes vierte der 377 Gymnasien wird die zwei Geschwindigkeiten zum Abitur wollen», prognostizierte er. «Die jetzige begrenzte Regelung ist der Bruch eines Wahlversprechens. Viele Eltern hatten erwartet, dass es umgesetzt wird», betonte er. Das Prinzip der Kultusministerin Gabriele Warminski-Leitheußer (SPD) einer «Schulentwicklung von unten» müsse auch umgesetzt werden.

 Der Bildungsexperte des Städtetags, Norbert Brugger, sagte: «Sollten sich diese hohen Zahlen bestätigen, muss über die Zahl der zulässigen Schulversuche neu entschieden werden.» Grün-Rot habe im Koalitionsvertrag den Ruf nach G9 geweckt und müsse ihn jetzt auch hören. Anders sieht dies der Gemeindetag. Präsident Roger Kehle: «Ich kann nicht die Ausweitung dessen fordern, das ich grundsätzlich für fragwürdig halte.» Die Bildungslandschaft drohe mit der teilweisen Rückkehr zu G9 zum kostspieligen Flickenteppich zu werden.

 Brugger geht davon aus, dass beim Kultusministerium für mehr als 50 Gymnasien der neunjährige Weg zum Abitur beantragt worden ist. Die Zahl der betroffenen Kommunen liegt darunter, weil von manchen Schulträgern mehrere Anträge kommen: etwa aus Stuttgart vier, aus Geislingen und Pforzheim jeweils zwei. Keck prognostiziert, dass sich für das übernächste Schuljahr sogar noch mehr Gymnasien bewerben als jetzt, da die Antragsfristen sehr knapp gewesen seien.

 Der Bildungsexperte der SPD-Fraktion Christoph Bayer sagte, die Politik müsse rasch auf das Signal der Basis reagieren. Die Bildungspolitiker von Rot und Grün müssten zusammenkommen, um die Entscheidung über einem ausgedehnteren Schulversuch im Koalitionsausschuss vorzubereiten.

 Bei der Grünen-Bildungsexpertin Sandra Boser lautet das Motto: «Keine Panik». «Wir sollten die Anträge erstmal sichten und dann entscheiden, was passiert.» Es gebe auch Alternativen zu G9: So müssten Probleme der G8-Schulen analysiert und behoben werden. Als Instrumente nannte sie etwa die Umstellung auf Ganztagesbetrieb oder auf die Gemeinschaftsschule, die in 13 Jahren zur Hochschulreife führt.

 In den Koalitionsverhandlungen hatte die SPD bereits die Zahl 120 ins Spiel gebracht, die Grünen waren für 18 Schulversuche. Der Kompromiss sieht vor, bestenfalls in jedem der 44 Stadt- und Landkreis in einem Gymnasium einen neunjährigen Zug zuzulassen. Der Städtetag moniert, dass dadurch die Landeshauptstadt dem 2400 Einwohner zählenden Schwarzwaldort Schönau gleichgestellt werde.

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