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Wird eine Bombe gefunden, ist Eile geboten. Experten müssen sie identifizieren und sich für ein Vorgehen zum Sichern entscheiden.
Wird eine Bombe gefunden, ist Eile geboten. Experten müssen sie identifizieren und sich für ein Vorgehen zum Sichern entscheiden. © dpa
01.09.2012

Noch 100.000 Blindgänger im Südwest-Boden vermutet

Die heftige Explosion einer Weltkriegsbombe in München hat gezeigt, welche Gefahr noch Jahrzehnte nach Kriegsende im Boden lauert. In der baden-württembergischen Erde schlummern bis zu 100.000 Sprengkörper. Pforzheim ist hierbei in besonderem Maße betroffen.

Die Bombenentschärfer vom Kampfmittelbeseitigungsdienst Baden-Württemberg sind auf einer gefährlichen Mission. Landesweit eine Handvoll Menschen soll verhindern, dass Blindgänger aus dem Weltkrieg doch noch hochgehen. Notfalls müssen sie die Experten gezielt sprengen - wie vor wenigen Tagen die Kollegen in München. Rund 1500 Mal im Jahr rücken die Bombenexperten aus und sehen der Gefahr ins Auge. Der nächste Einsatz steht an diesem Montag in Mannheim an. Ein Luftbild lässt eine Bombe in Neckarvorland vermuten.

Eine Million Sprengkörper haben die Alliierten im Zweiten Weltkrieg nach Schätzungen über Baden-Württemberg abgeworfen. «Ungefähr 15 Prozent davon sind nicht hochgegangen», vermutet Clemens Homoth-Kuhs vom Regierungspräsidium in Stuttgart. Damit schlummern wohl noch mehr als 100 000 Blindgänger im Boden - genaue Zahlen kennt niemand. Die Statistik ist beeindruckend: Seit Kriegsende wurden landesweit rund 25 000 unschädlich gemacht. «Ein Vielfaches davon wartet noch auf uns.»

Dieses Jahr wurden im Südwesten bisher ungefähr 15 größere Weltkriegsbomben entschärft. Im Juli machten Experten eine britische Fliegerbombe auf dem Gelände einer Freiburger Schule unschädlich. Eine zentnerschwere amerikanische Fliegerbombe war im Juni in Rastatt beseitigt worden.

Bevorzugte Ziele der alliierten Bomber waren die Industriezentren des Landes: Mannheim, Karlsruhe, Pforzheim, Stuttgart, Friedrichshafen und Ulm. Zudem wollten die Angreifer die Infrastruktur lahmlegen. Deshalb finden sich an früheren Schienenknotenpunkten besonders häufig Sprengkörper aus Kriegszeiten. Aber auch kleinere Orte wurden getroffen. «Es gibt keinen Landkreis, wo es keine Bombardierung gab», sagte Homoth-Kuhs.

Viele Weltkriegsbomben werden zufällig entdeckt, von Spaziergängern, Bauern, Waldarbeitern oder Pilzsammlern. Gerade große Bomben tauchen oft bei Baumaßnahmen in Städten auf, wie zuletzt beim U-Bahn-Bau in Karlsruhe und beim Bahnprojekt Stuttgart 21. Auch bei der Renaturierung von Flüssen seien immer wieder Bomben im Weg, sagte Homoth-Kuhs. «Wenn Bagger in Flussufer gehen, finden sie häufig was.»

Wichtigste Quelle für die Suche nach Blindgängern sind Luftbilder, die die Alliierten kurz nach ihren Bombenangriffen auf Aufklärungsflügen gemacht haben. Die Fotos zeigen, an welchen Stellen Bomben hochgegangen sind. «Da erkennt man Trichter, große Löcher mit viel Erdauswurf», erklärte Bombenentschärfer Klaus-Peter Olsson vom Kampfmittelbeseitigungsdienst. «Die kleineren Löcher dazwischen, das sind für uns Blindgängerverdachtspunkte.» In einem zweiten Schritt suchen die Fachmänner den Boden systematisch mit Metallsonden ab.

Wird eine Bombe gefunden, ist Eile geboten. Experten müssen sie identifizieren und sich für ein Vorgehen zum Sichern entscheiden. «Es kommt vor allem auf die Art des Zünders an», erläuterte Olsson. «Generell wollen wir immer entschärfen. Bei chemischen Zündern ist das aber manchmal nicht möglich. Dann bleibt oft nur eine kontrollierte Sprengung.» Erst vor wenigen Tagen hatte es bei einer solchen kontrollierten Sprengung im Münchner Stadtteil Schwabing einen Feuerball gegeben. Mehrere Häuser wurden beschädigt.

Die Munition wird vernichtet, der Bombenstahl geht an die Badischen Stahlwerke. Dort wird Baustahl daraus gemacht, erklärte Homoth-Kuhs. «Das ist kostenneutral und eine gute Art des Recycling.»