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Am Rand der Tankstelle neben der LEA frönt eine Gruppe junger Schwarzafrikaner dem Alkohol. Foto: Meyer
Am Rand der Tankstelle neben der LEA frönt eine Gruppe junger Schwarzafrikaner dem Alkohol. Foto: Meyer
Lutz Schönthal von der Koordinierungsstelle der Polizei (rechts) und Martin Steffens vom Regierungspräsidium Karlsruhe legen auf der Wache Zahlen vor.  Foto: Meyer
Lutz Schönthal von der Koordinierungsstelle der Polizei (rechts) und Martin Steffens vom Regierungspräsidium Karlsruhe legen auf der Wache Zahlen vor. Foto: Meyer
Kleingärtner Novak Ruzevic ist unmittelbarer Nachbar der Asylsuchenden. Foto: Meyer
Kleingärtner Novak Ruzevic ist unmittelbarer Nachbar der Asylsuchenden. Foto: Meyer
16.10.2015

Polizeipräsidium Karlsruhe fährt täglich 50 Flüchtlingseinsätze

Das Polizeipräsidium Karlsruhe fährt täglich 50 Flüchtlingseinsätze. Die meisten Probleme gibt es mit jungen Männern aus Nord- und Schwarzafrika.

Die Stimme der Wirtin im Kleingärtnerheim wird schrill, übertönt den Fernseher in der Ecke. „So was Dreckiges hab’ ich noch nicht erlebt – überall Flaschen, Papier, Tüten, manchmal Strumpfhosen, widerlich.“

„Unsinn“, sagt Novak Ruzevic, 1970 aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Karlsruhe gekommen. Seit 15 Jahren gehört ihm eine Parzelle in der Kleingartenanlage an der Durlacher Allee zwischen Messplatz und Autobahn. „Die tun uns doch nicht weh – und Einbrüche hat’s bei uns schon immer gegeben.“ In den vergangenen Wochen zehn an der Zahl, so steht’s im polizeilichen Vorkommnisbericht. Gut möglich, dass es Bettler aus Südosteuropa gewesen sein könnten, die ein warmes Plätzchen suchten, heißt es aus Polizeikreisen. Rudzevic schließt die Tür zu seinem Gärtchen auf, führt uns zu seiner Laube. „Hier stand der Grill. Weg.“ Wie die zwei deutschen Fahnen.

Doppelt so viel als geplant

Die Kleingartenanlage ist nicht irgendeine. In unmittelbarer Nachbarschaft, unübersehbar, befindet sich die Landeserstaufnahmestelle (LEA), konzipiert für 500 bis 700 Asylsuchende, derzeit belegt mit über 1300 Flüchtlingen, die größte Einrichtung ihrer Art in der Fächerstadt. Insgesamt verteilen sich in Karlsruhe rund 5000 Flüchtlinge auf ein Dutzend Flüchtlingsunterkünfte.

So wie in der ehemaligen Mackensen-Kaserne an der Rintheimer Querallee. Auch dort sind Schrebergärtner stolz auf ihr kleines Paradies – und waren entsprechend erbost, als Flüchtlinge sich in ihren Gärten breitmachten. „Wir haben die Streifenpräsenz erhöht, auch mithilfe der Bereitschaftspolizei“, sagt Lutz Schönthal, Leiter der Koordinierungsstelle „Zuwanderung“ beim Polizeipräsidium Karlsruhe. Der frühere Leiter des Reviers Pforzheim-Süd und sein dreiköpfiges Team haben alle Hände voll zu tun – wie Martin Steffens, Referatsleiter im Regierungspräsidium Karlsruhe und gewissermaßen „Hausherr“ der LEA. Beide sagen: Sie rechnen nicht mit einem Rückgang der Flüchtlingszahlen. Eher im Gegenteil.

„Früher kamen im Winter weniger Menschen zu uns“, sagt Steffens. Das war, ehe die Flüchtlinge den relativ kurzen Seeweg über die Ägäis von der Türkei nach Griechenland und dann den Landweg über den Balkan nahmen. Früher – da waren es 1500 Asylsuchende im Jahr in Karlsruhe. Heute sind es ebenso viele – täglich.

Wir treffen Steffens und Schönthal, den Juristen und den Polizisten, in der Polizeiwache, die in der LEA untergebracht ist. Zugang nur nach Sicherheitskontrolle. Drei Plexiglas-Schutzschilde samt Schlagstock lehnen an der Wand – nicht ohne Grund. Ende August musste die Polizei – wieder einmal – eingreifen, um einen Tumult zu beenden: Einer Gruppe Nordafrikaner hatte der Sicherheitsdienst den Zutritt zur LEA verweigert, weil sie keine entsprechenden Ausweisdokumente bei sich hatten. Schnell rottete sich eine Gruppe von rund 60 Personen zusammen. Pflastersteine flogen, Scheiben splitterten, die Security war komplett überfordert. Am vergangenen Dienstag rückte die Polizei mit 15 Beamten in Leopoldshafen an – im ehemaligen Kernforschungszentrum befindet sich ebenfalls eine große Aufnahmestelle mit rund 650 Flüchtlingen. Aus organisatorischen Gründen hatte sich die Auszahlung des Taschengeldes verzögert, für das Hunderte Asylsuchende anstanden. „Das ging fast bis zur Stürmung der Zahlstelle“, erinnert sich Schönthal. Polizeisprecher Fritz Bachholz ergänzt: „Wir sind die Feuerwehr.“

Decken gegen die Kälte

Wir gehen nach draußen, es ist kalt. Die Sicherheitsleute tragen Lederjacken, die Flüchtlinge zwischen den Blocks und den zentralen Klohäuschen haben Decken um sich geschlungen, Taschen stehen auf den Boden, kleine Köfferchen, eine Schlange hat sich gebildet. „Seit acht Stunden stehen wir hier“, sagt Reza (Namen geändert) aus dem Iran, „wir warten auf den Bus.“ Wohin es gehen soll, weiß er nicht. Die LEA ist eine Drehscheibe – heute angekommen, morgen vielleicht in Mannheim. Oder Pforzheim. „Jeder will dabei sein“, sagt Schönthal, „egal, wohin es geht.“ Es kann nur besser werden.

Alle Gambier in Karlsruhe

Flüchtlinge aus dem Irak, Syrien oder Afghanistan – sie machen zwei Drittel der Asylsuchenden aus – seien nicht das Problem, sagt der Polizeioberrat. Wohl aber, und das deckt sich mit den jüngsten Äußerungen des Chefs des Bundeskriminalamts, Holger Münch, eine zahlenmäßig kleine, aber dafür umso auffälligere Gruppe: männlich, alleine unterwegs, zwischen 18 und 35 Jahre alt, aus Schwarz- und Nordafrika. Ladendiebstähle, Körperverletzung, Trickdiebstähle, Drogenhandel – erfahrungsgemäß eine Domäne von jungen Männern aus Gambia. Erschwerend kommt hinzu, dass sämtliche Flüchtlinge aus Gambia Karlsruhe zugewiesen wurden.

Ein halbes Dutzend von ihnen steht und sitzt am Rande der Esso-Tankstelle ein paar Meter hinter dem Zaun, der die LEA vom Fußweg an der Durlacher Allee trennt. In der Hand haben sie große grüne Bierdosen – dem unsicheren Gang zufolge ist es nicht die erste an diesem Tag. „Und ich darf das Zeug wieder zusammenkehren“, flucht Arno K. (Name geändert), Hausmeister der Tankstelle.

Noch ist es kein Fall für die Polizei. Die haben ohnehin genug zu tun – von im Schnitt 50 flüchtlingsspezifischen Einsätzen, den meisten in Karlsruhe, spricht Schönthal. Pro Tag. Oder Nacht. „Ich bin trotzdem überrascht, wie ruhig es zugeht“, sagt Schönthal.

Alles eine Frage der Relation.

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