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18.09.2012

Postboten trainieren gegen die Angst vor dem Hund

Backnang. Jack kann ganz schön grantig werden. Als Polizeihund weiß der Sechsjährige nur zu gut, wie er seine Zähne einsetzten kann. Als er an diesem sonnigen Nachmittag in der Runde von Postboten in Backnang (Rems-Murr-Kreis) auftritt, wedelt er mit dem Schwanz.

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Ein trügerisches Zeichen, weiß sein Trainer. «Er ist versteift, seine Muskeln sind angespannt», sagt er. Körperhaltung, Ohren und Nackenhaare verraten den Belgischen Schäferhund. Die Brief-Austräger tun gut dran, die Zeichen richtig zu deuten. Kaum greift einer von ihnen zu einem Stock am Rand, lässt Jack seinen Aggressionen freien Lauf. Nur die Leine hält ihn zurück.

16 Briefzusteller trainieren an dem Tag gegen die Angst vor dem Hund - und gegen Bisse in Wade oder Arm. Aus gutem Grund: 18 Mal sind im Jahr 2011 im Postleitzahlenbereich 70 und 71 Postmitarbeiter durch Vierbeiner verletzt worden und mindestens einen Tag dienstunfähig gewesen, bilanziert Hugo Gimber, Pressereferent der Deutschen Post in Stuttgart. Deutschlandweit hat die Unfallkasse von Post und Telekom sogar 2000 Arbeitsunfälle durch Hunde gezählt. Das entspricht vier Prozent der gesamten Unfälle. Bei der Polizei sind viele dieser Fälle nicht registriert, weil die Betroffenen auf eine Anzeige verzichten. «Es sind ja auch unsere Kunden», sagt Gimber.

Und doch sitzt der Schreck oft tief. «Der Hund war nicht angebunden», erzählt die Waiblinger Postzustellerin Ursula Köppe und zeigt auf eine Narbe an ihrem rechten Arm. Der Angriff vor einigen Wochen kam für sie völlig überraschend. «Ich hätte gar nichts machen können.» Dass der Hund aggressiv ist, wusste sie schon länger - doch sonst war er immer angeleint. Einen Vorwurf macht die 59-Jährige, die selbst einen Hund hat, vor allem verantwortungslosen Besitzern. Einmal, als sie wegen eines bellenden Hundes Briefe nicht zugestellt habe, habe sie sich sogar anhören müssen, sie sei für die Arbeit nicht geeignet - ihre Vorgängerin habe immer Leckerlis dabeigehabt.

«Es gehört zum Job, professionell mit Hunden umzugehen. Aber gefallen lassen müssen wir uns von den Haltern gar nichts», sagt der Polizist, der Zwei- und Vierbeiner für ein möglichst friedliches Miteinander trainiert. Die Sicherheit habe immer Vorrang. Dann erklärt er den Postlern, woran sie die Stimmung des Hundes ablesen können und was zu tun ist, wenn Hasso, Rex, Pfiffi und Co. mit gefletschten Zähnen vor einem stehen.

«Es ist leicht gesagt, aber am besten ist es, den Hund völlig zu ignorieren», sagt er. Auf keinen Fall sollten sich die Briefträger auf ein Blickduell einlassen. Stattdessen rät er, sich seitlich wegzudrehen und den geordneten Rückzug anzutreten - und zwar langsam, ohne hektische Bewegungen. Helfe das nicht, solle der Angegriffene versuchen, mit Tasche, Paket, Fahrrad oder ähnlichem eine Barriere aufzubauen. «Was ich dabei habe, bringe ich zwischen mich und den Hund und stopfe es ihm notfalls ins Maul. Egal was und wie teuer es ist.» Die Gesundheit sei wichtiger.

«Die Ursache liegt immer beim Erzieher des Hundes», sagt der Fachmann. Das Tier folge meist seinem Beschützer- oder Jagdinstinkt. Die einheitliche Kleidung der Postler verstärke das Problem, weil immer wieder gleich angezogene Menschen in den Bereich des Vierbeiners eindringen. Selbst wenn ein Hund wirklich «nur spielen» wolle, sei das nicht ohne. «Anspringen birgt die Gefahr des Sturzes. Bei 40 bis 50 Stundenkilometern reicht schon ein Anstumpen.» Von «Bestechung» rät er ab. «Wenn ich einen bellenden Hund mit Leckerlis beruhige, dann belohne ich sein Verhalten ja.»

Dass längst nicht jeder Hund ein Beißer ist, wird an diesem Tag aber auch deutlich. Der vier Monate alte Yago hat nun wirklich gar nichts Böses im Sinn. Völlig locker und mit freundlichem Schwanzwedeln erobert der junge Appenzeller Sennenhund die Herzen der Zusteller im Sturm. «Er freut sich, dass Menschen da sind. Indem er den Kopf runter nimmt, zeigt er Demut an», erklärt sein Trainer und Herrchen. Zum Dank bekommt Yago dafür jede Menge Streicheleinheiten - und auch mal ein Leckerli.