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An dieser Hütte wurde vor über zehn Jahren die Leiche von Tobias D. gefunden. Foto:dpa
Prozess Mordfall: Tobias Familie wird noch immer psychologisch betreut © dpa
29.03.2012

Prozess Mordfall: Tobias Familie wird noch immer psychologisch betreut

Stuttgart (dpa/lsw) - Die Familie des ermordeten elfjährigen Tobias ist auch mehr als elf Jahr nach der Tat noch in psychologischer Betreuung. «Ohne Therapie würden wir wahrscheinlich heute hier nicht sitzen», sagt der 54-jährige Vater des Jungen am Donnerstag vor dem Stuttgarter Landgericht. Er und seine Frau sprechen im Zeugenstand über ihren Sohn und die Ereignisse im Herbst 2000. Tobias ist an einem abgelegenen Weiher in Weil im Schönbuch (Kreis Böblingen) mit 38 Messerstichen getötet worden. Der 48-jährige Angeklagte aus dem Kreis Esslingen hat die Tat zum Prozessauftakt gestanden. (Az.: 114 Js 74190/11)

Trotz der langen Zeit hätten sie die Hoffnung nie aufgegeben, dass der Mord eines Tages aufgeklärt wird, erzählen die Eltern. An jenem 30. Oktober 2000 will Tobias mit seinen Freunden zum See gehen, doch die sind wegen der Ferien nicht zu Hause. «Da hat er gebettelt, dass er allein raus darf», berichtet die 51 Jahre alte Mutter. Er sei schon öfter am See gewesen, und habe sich als naturverbundenes Kind dort sehr wohlgefühlt. «Ich hab' ihn nicht gern gehen lassen.» Doch sie gibt schließlich nach. Als der Junge nicht wie abgesprochen bei Einbruch der Dunkelheit zurückkommt, gehen sie ihn suchen. Zuerst entdeckten sie nur sein Fahrrad in der Nähe des Sees. «Das war wie ein Alarmzeichen, dass etwas nicht in Ordnung ist», sagt die Mutter.

Als sie zur zweiten Suche zurückkehren, findet der Vater sein totes Kind hinter der dortigen Hütte. «Jetzt läuft alles wieder vor mir ab. Immer wieder», erzählt er. Obwohl er nachträglich deutlich Anzeichen für einen Kampf am Tatort ausmacht, glauben die Eltern zunächst an einem Unfall. «Ich bin noch davon ausgegangen, er hat Blödsinn gemacht, ist zur Hütte hochgegangen und abgestürzt.» Erst am kommenden Tag erfahren sie die ganze Wahrheit. «Dann haben wir irgendwie funktioniert. Das ist ja so», sagt die Mutter. Bei ihrer Zeugenaussage vor Gericht ringt sie immer wieder um Fassung.

Vor der Aussage der Eltern hat ihnen die Vorsitzende Richterin im Namen des Gerichts ihr «aufrichtiges Mitgefühl» ausgesprochen. Nur durch einen Zufall waren Ermittler bei Recherchen zur Kinderpornografie auf den 48-jährigen ledigen Bäcker gestoßen. Ein Abgleich seiner DNA mit Spuren vom Tatort verlief positiv. Diese Wendung habe ihnen viel gebracht, sagen die Eltern, die mit Tobias' älterem Bruder als Nebenkläger im Prozess auftreten. Der Angeklagte hat die Triebtat vor Gericht bis ins grausige Detail geschildert.

Der Verlust ihres lebhaften und aufgeschlossenen Kindes schmerzt die Eltern sichtbar. «Er hat ihm einfach sein Leben genommen», sagt die Mutter. Vor wenigen Tagen wäre Tobias 23 Jahre alt geworden. Dieser Tag sei besonders schwer für sie, berichtet die 51-Jährige, und fügt unter Tränen hinzu: «Er feiert keinen Geburtstag mehr.»