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Rocker kontra Türsteher - Hells Angels, United Tribuns, Black Jackets, Gremium, Red Legion

Polizisten stehen vor Beginn eines Prozesses gegen mutmaßliche Führer der türkisch-nationalistischen Straßengang «Osmanen Germania BC» vor dem Gerichtsgebäude.
Polizisten stehen vor Beginn eines Prozesses gegen mutmaßliche Führer der türkisch-nationalistischen Straßengang «Osmanen Germania BC» vor dem Gerichtsgebäude. © Foto: Sebastian Gollnow/dpa
© Foto: Boris Roessler/dpa
26.03.2018

Prozess gegen Straßengang «Osmanen Germania»: Wollten sie einen Abtrünnigen ermorden?

Stuttgart. Unter starken Sicherheitsvorkehrungen hat am Montag im Gerichtssaal am Gefängnis Stuttgart-Stammheim ein Prozess gegen die mutmaßlichen Anführer der türkisch-nationalistischen Straßengang «Osmanen Germania BC» begonnen.

Vor Gericht stehen acht Männer, fünf Türken und drei Deutsche im Alter zwischen 19 Jahren und 46 Jahren, darunter der selbst ernannte «Weltpräsident» und sein Vize. Den acht Männern wird eine Vielzahl von Gewalt- und anderen Delikten vorgehalten, mit denen vor allem die innere Ordnung der «Osmanen» aufrecht erhalten werden sollte. Laut Anklage wurde ein Abtrünniger fast getötet. Gut 50 Verhandlungstage sind zunächst angesetzt. Demnach würde der Prozess bis Januar 2019 gehen.

Um das Gefängnis in Stammheim sind am Montag Straßenkontrollen aufgebaut, hunderte Polizisten sind im Einsatz, Hubschrauber kreisen über dem Justizgebäude. Strikte Personenkontrollen der gut 120 Zuschauer verzögern den Start um zwei Stunden. Grüppchenweise werden meist komplett schwarz gekleidete Anhänger der Angeklagten unter Polizeischutz durch den Ort geführt.

Es gebe eine Bedrohungslage, sagte Jan Holzner, Sprecher der Staatsanwaltschaft Stuttgart, ohne Details nennen zu dürfen. Im Saal wird auf die Verlesung der Adresse des «Osmanen»-Weltpräsidenten verzichtet, aus Sicherheitsgründen. Die acht Angeklagten sitzen in acht verschiedenen Gefängnissen in Untersuchungshaft.

Bis zu seiner Verhaftung im vergangenen Jahr lenkte der 46 Jahre alte «Weltpräsident», ein Deutscher türkischer Abstammung, und sein 38 Jahre alter Vize die «Osmanen» von Südhessen aus. In Deutschland sind den Behörden 33 Ortsgruppen (Chapter) mit rund 400 Mitgliedern bekannt, in Baden-Württemberg existieren laut Innenministerium sechs Chapter mit etwa 100 Mitgliedern und Unterstützern.

Auseinandersetzungen gab es zuletzt vor allem mit türkischen Kurden der verfeindeten Straßengang «Bahoz». Immer wieder kam es im Raum Stuttgart zu gewaltsamen Zusammenstößen um die Vorherrschaft in der Region. «Wir Osmanen beherrschen die Straße», beschreibt Staatsanwalt Michael Wahl die Absicht hinter diversen Machtdemonstrationen.

Im Stuttgarter Prozess geht es aber in erster Linie um Strafaktionen gegen eigene Leute, etwa weil sie die «Osmanen» verlassen wollten. Konkret geht es um einen Fall aus Herrenberg nahe Stuttgart. Dort soll ein Teil der Angeklagten - im Wissen der Führer - ein abtrünniges Mitglied schwer traktiert haben. Auch weil dieser sich weigerte, gegen Kurden vorzugehen, wie es heißt. Ein «Osmanen»-Trupp habe dem Abtrünnigen Zähne ausgeschlagen, in den Oberschenkel geschossen, ihn bis zur Bewusstlosigkeit getreten und ihm dann die Patrone ohne Betäubung aus dem Bein geholt. Der Mann sei gefesselt drei Tage festgehalten worden, bis er fliehen konnte.

Die Liste der Straftaten, die den Männern vorgehalten wird, ist lang: versuchter Mord, versuchter Totschlag, gefährliche Körperverletzung, Zuhälterei, räuberische Erpressung, Freiheitsberaubung, diverse Waffen- und Drogendelikte. In wechselnden Besetzungen sollen sie diese Taten an verschiedenen Orten in Baden-Württemberg begangen haben. Man könne bei Verurteilungen von «mehrjährigen Haftstrafen» für jeden Einzelnen ausgehen, heißt es bei der Staatsanwaltschaft.

Die türkisch-nationalistische, rockerähnliche Straßengang «Osmanen Germania» steht nach Einschätzung des NRW-Innenministeriums in Verbindung zur türkischen Regierungspartei AKP und zum Umfeld des Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Dieser Umstand spiele im Stuttgarter Prozess allerdings gar keine Rolle, so Holzner.

Der «Osmanen Germania Boxclub» wurde erst vor wenigen Jahren gegründet. Als Hochburgen der gut 400 Mitglieder gelten die Regionen Frankfurt, Stuttgart und Wuppertal. «Es ist mit Sicherheit nicht der Boxclub, als der er offiziell gegründet wurde. Es ist mit Sicherheit auch keine Wohltätigkeitsorganisation, die Jugendliche von der Straße holt», beschreibt Holzner die «Osmanen». Sie seien als rockerähnliche Gruppierung einzustufen, mit einer strengen Hierarchie in der man sich durch Straftaten nach oben arbeitet.

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Rockerkrieg in Pforzheim

Auseinandersetzungen zwischen Hells Angels und United Tribuns sind den Menschen in Pforzheim noch gut in Erinnerung. Ende 2010 kam es auf dem Pforzheimer Güterbahnhof-Gelände zu einer Massenschlägerei. Rund 40 Rocker schlugen sich auf einem Parkplatz mit Macheten und Baseballschlägern, ein von einem Messerstich verletzter Mann schwebte in Lebensgefahr – und es fiel ein Schuss aus einer scharfen Waffe. Die Kugel schlug zum Glück in einem abgestellten Lieferwagen ein, in dem niemand saß.

Von da an gab es polizeiliche Untersuchungen und Razzien bei den beiden Gruppen. Die Hells Angels traf es mit Wohnungsdurchsuchungen gleich zweimal, im Dezember 2010 und im März 2012, während die United Tribuns bei einer Razzia im Februar 2011 unter anderem Waffen wie eine scharfe Maschinenpistole mit Schalldämpfer abgegeben mussten. Höhepunkt der Aktionen: Der Pforzheimer Verein der Hells Angels wurde verboten. Nach einigen Prozessen hört man im Augenblick nicht mehr viel von den Höllenengeln. Um die United Tribuns ist es in Pforzheim ebenfalls ruhiger geworden. Die Black Jackets, eine dritte Gruppe, die im Türstehermilieu der Region um Pforzheim mitmischte und rockerähnlich strukturiert war, verschwanden in der Bedeutungslosigkeit, nachdem zuerst die Jugendgruppe aufgelöst und der Gruppenführer zu einer Haftstrafe verurteilt wurde.

Nur ganz am Rande spielten auch die Rocker vom Gremium MC eine Rolle in Pforzheim. Sie scheiterten zum Beispiel mit einem Motorrad-Korso durch die Stadt, der wohl als Provokation der Hells Angels gedacht war. Stress mit Mitgliedern der Bandidos, die sich anderswo in Deutschland heftige Gefechte mit den Hells Angels lieferten, gab es in Pforzheim mangels einer Bandidos-Gruppe nicht. In der weiteren Region hat zuletzt die Gruppe der Red Legion für Aufsehen und Polizeieinsätze gesorgt. In Pforzheim jedoch sind sie noch nicht bemerkenswert aufgefallen.

Der Osmanen Germania Boxclub gilt als größte rockerähnliche Gruppierung in Deutschland. Gegründet wurde er im Frühjahr 2015. In Deutschland sind 33 Chapter mit 400 Mitgliedern bekannt. Das Innenministerium geht von sechs Chaptern in Baden-Württemberg mit 100 Mitgliedern und Unterstützern aus - eines davon gibt es in Pforzheim. Die meisten Mitglieder sind türkische Staatsangehörige oder stammen aus der Türkei. Die Osmanen unterliegen nicht der Beobachtung durch den Verfassungsschutz. In 100 Ermittlungsverfahren zum blutigen Konflikt zwischen den Osmanen und der kurdisch geprägten Gruppe Bahoz wurden 31 Haftbefehle gegen beide erwirkt – etwa gegen den Weltpräsidenten und den Weltvizepräsidenten der Osmanen. Im Juli 2016 hatte das Chapter Pforzheim zu einem Treffen auf der Wilferdinger Höhe geladen. Es kamen rund 200 Mitglieder, mehr als 150 Polizeibeamte waren im Einsatz. tok